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Der Frankfurter Unternehmensberater über die Zukunft der Oil & Gas Invest AG

Dr. Michele Sciurba: „Wir werden alles dafür tun, die OGI AG zu einem wachstums- und kapitalmarktorientierten Unternehmen zu strukturieren“

Samstag, 31 Oktober 2015 08:31 geschrieben von 
Dr. Michele Sciurba berät die Oil & Gas Invest AG (OGI AG) Dr. Michele Sciurba berät die Oil & Gas Invest AG (OGI AG) Quelle: Alexander Paul Englert

Frankfurt am Main/Dresden – Die Frankfurter Oil & Gas Invest AG (OGI AG), die für die Erschließung und Exploration von Erdöl- und Erdgasvorkommen in den USA Anlegergelder einwirbt, ist nach dem Rückzug von Mehrheitsanteilseigner Jürgen Wagentrotz in einer Umstrukturierung begriffen, die das Unternehmen fit für den regulierten Markt machen soll. Maßgeblichen Anteil daran haben nicht nur der neue Vorstandschef Günter Döring und der Jurist Robert Percy Meiser, der für das in Northport (Alabama) ansässige Tochterunternehmen OGI Holding Corp. tätig ist, sondern auch der Unternehmensberater und Prokurist Dr. Michele Sciurba, der die OGI-AG in strategischen Unternehmensfragen berät. Die SACHSEN DEPESCHE hat mit Dr. Sciurba über seine Rolle in der OGI AG und die Zukunftspläne der Gesellschaft gesprochen.

SACHSEN DEPESCHE: Herr Dr. Sciurba, im Netz wird viel über Ihre Rolle bei der OGI AG spekuliert. Das geht bis zu Behauptungen, Sie seien der „heimliche Strippenzieher“ bei der Gesellschaft. In welcher Form waren Sie bislang tatsächlich für die Oil & Gas Invest AG tätig – und wie würden Sie selbst Ihr Verhältnis zum Mehrheitsaktionär und Ex-Vorstand Jürgen Wagentrotz beschreiben?

Dr. Michele Sciurba: Unsere Beratungsgesellschaft ist seit 1999 spezialisiert auf die Beratung von Unternehmen, die länderübergreifend tätig sind, insbesondere aus dem    Energie-, Gas- und Ölsektor. Hierbei haben wir uns in den letzten Jahren vor allem auf die strategische Beratung fokussiert, die darauf abzielt, Unternehmen in die Lage zu versetzen, internationalen Finanzierungsstandards zu entsprechen, und Transparenz und Kontrollmechanismen zu implementieren, die den hohen Anforderungen der Finanzmarkt-Aufsicht und anderen Aufsichtsbehörden in regulierten Märkten genügen.

Die Oil & Gas Invest AG ist Mitte letzten Jahres zum zweiten Mal auf uns zugekommen, um sich beraten zu lassen bei der Gestaltung und Umsetzung ihrer geplanten Explorations-Vorhaben auf der einen Seite und auf der anderen Seite mit dem Wunsch, am Kapitalmarkt Gelder einzuwerben, um die Bohrvorhaben zeitnah umsetzen zu können. Mein Kontakt war Percy Meiser, der damalige Prokurist der OGI AG, nicht Herr Wagentrotz. Dies war auch schon einige Jahre davor der Fall. Bei dieser Anfrage konnten wir uns zum damaligen Zeitpunkt nicht auf die Übernahme eines Beratungsmandats einigen. Bei der Übernahme des aktuellen Beratungsmandats haben wir als aller erstes mit einem meiner Teams eine umfangreiche Due Diligence durchgeführt und aus der Analyse sämtlicher uns vorgelegter Verträge, Kosten für die bisherige Aufbereitung der Bohrfelder sowie der Vorlage sämtlicher Gemeinkosten eine umfangreiche Finanz- und Budgetplanung entwickelt. Diese Finanz- und Budgetplanung sowie eine finanztechnische Konsolidierung der US-Holding und der deutschen AG wurden von uns zum 30.08.2015 noch einmal aktualisiert und bilden eine der Grundlagen zur Ermittlung des Investitionsbedarfs sowie ein wesentliches Controlling-Instrument für Vorstand und Aufsichtsrat.

Zu meinem persönlichen Verhältnis zu Jürgen Wagentrotz gibt es wenig zu sagen, außer dass ich ihn für eine charismatische Unternehmerpersönlichkeit halte. Dies bedeutet aber nicht, dass wir immer einer Meinung waren. Insbesondere war ich nicht involviert in die Marketing-Strategie für die Fundraising-Kampagne, die zu dem Disput mit der BaFin geführt hat. Sowohl das Garantie-Paket als auch die Zinsgestaltung hielt ich persönlich ab dem Zeitpunkt, an dem ich Kenntnis davon hatte, für zu laut und dem tatsächlichen Geschäftsmodell nicht gerecht werdend. Die uns vorliegenden Daten spiegeln eine hohe Wahrscheinlichkeit wider, dass die Explorations-Vorhaben der OGI mittelfristig zu großem Erfolg führen. Aus meiner Sicht muss man den Anleger durch Fakten von seinem Vorhaben überzeugen, aber wie bei jedem Unternehmen gibt es Risiken. Diese Risiken lassen sich im Wesentlichen in drei Kategorien einteilen: Schlechtes Management, Marktzusammenbrüche, Produkte werden obsolet.

SACHSEN DEPESCHE: Es gab ja einen Dissens mit der BaFin, die seinerzeit von einem „erlaubnispflichtigen Einlagengeschäft“ sprach, als Jürgen Wagentrotz mit seinem Privatvermögen für eventuelle Ausfallrisiken bei dem Anlagemodell der OGI AG (Nachrangdarlehen mit qualifiziertem Rangrücktritt) haftete. Wie bewerten Sie diesen Vorgang?

Dr. Michele Sciurba: Nachdem die BaFin moniert hatte, dass der Gesamteindruck eine unbedingte Rückzahlbarkeit des Nachrang-Darlehens erwecken würde und dass die Garantieerklärung von Herrn Wagentrotz möglicherweise ein Verstoß gegen das Einlagen-Sicherungsgesetz darstellen würde, haben wir unter Hinzuziehung von Willkie Farr & Gallagher LLP und White Case LLP die Verhandlungen mit der BaFin aufgenommen. Ziel war es hier zu einer einvernehmlichen Lösung der aufgeworfenen Probleme zu kommen. Bemerkenswert ist hierbei, dass es zu keinerlei förmlicher Sanktion seitens der BaFin gegen die OGI AG gekommen ist. Die offenen Rechtsfragen wurden final nie einer gerichtlichen Klärung zugeführt, zur Vermeidung langjähriger, prozessualer Auseinandersetzungen stimmte die OGI AG vielmehr einer Teilrückabwicklung der eigeworbenen Gelder zu. Es dürfte wohl im grauen Kapitalmarkt ein einmaliger Vorgang sein, dass mehrere Millionen an Anlegergeldern inklusive Zinsen an die Anleger zurückgezahlt wurden und es zu keinerlei Ausfällen gekommen ist.

Ob Herr Wagentrotz als Groß-Aktionär ein Recht hatte, von dem sogenannten Konzern-Privileg Gebrauch zu machen, also eine solche Garantie-Erklärung abzugeben oder nicht, wurde, wie gesagt, final nie geklärt. Tatsache war aber, dass im Zuge der Einigung mit der BaFin akzeptiert wurde, dass der Gesellschaft nahestehende Personen nicht rückabgewickelt werden mussten.

SACHSEN DEPESCHE: Ist durch die Neuformulierung des Vertragsmodells nach Ihrer Ansicht nun alles wieder alles im grünen Bereich, wie es der Jurist und OGI-Manager Robert Percy Meiser erklärt hat?

Dr. Michele Sciurba: Das aktuelle Angebot ist schriftlich mit der BaFin abgestimmt und ihr mehrfach unter anderem durch die für die OGI AG tätige Kanzlei Willkie Farr & Gallagher LLP zur Kenntnis gebracht worden. Da es sich dabei nicht um ein genehmigungspflichtiges Geschäftsmodell handelt, wurde hier mit äußerster Sorgfalt und weit über das übliche Maß hinaus die Aufsichtsbehörde umfassend frühzeitig informiert. Insofern sehe ich das Angebot als unproblematisch an.

SACHSEN DEPESCHE: Kürzlich trat der bisherige OGI-Vorstandsvorsitzende Jürgen Wagentrotz von seinem Amt zurück - aus Altersgründen und weil er sich verstärkt um seine Stiftung kümmern wolle, wie er erklärte. Gibt es möglicherweise noch andere Gründe für den Rücktritt?

Dr. Michele Sciurba: Herr Wagentrotz ist auf der diesjährigen Hauptversammlung am 26. September 2015 ohne Gegenstimme als Vorstand bestätigt worden, und ihm wurde für das vergangene Geschäftsjahr Entlastung erteilt. Im Anschluss an die Hauptversammlung hat Herr Wagentrotz sich entschlossen, als Vorstand zurückzutreten und zukünftig beratend der Gesellschaft zur Verfügung zu stehen. Da die OGI AG über 143 Aktionäre verfügt und große Investitionsvorhaben umsetzen möchte, war eine stärker managementorientierte Ausrichtung der Gesellschaft wichtig. Da Herr Wagentrotz eine schillernde Persönlichkeit ist, war es nur konsequent, dieser Neuausrichtung nicht im Wege zu stehen. Bestandteil dieser Neuausrichtung und Professionalisierung der Gesellschaft ist wie bereits schon erwähnt neben der Einführung von fortlaufenden Finanz- und Budgetplanungen und eines modernen Controlling-Systems auch die freiwillige Prüfung der Bilanzen durch eine renommierte Wirtschaftsprüfer-Gesellschaft. Die OGI AG wird zukünftig die hohen Anforderungen einer am Kapitalmarkt orientierten Gesellschaft im regulierten Markt erfüllen und alle dafür notwendigen Maßnahmen zeitnah, soweit sie nicht bereits umgesetzt sind, umsetzen. Wenn Sie heute auf die neue Website der OGI AG gehen, werden Sie feststellen, dass bereits jetzt nicht nur ein deutlich konservativerer Stil Platz gegriffen hat, sondern auch, dass die substantiell belastbaren Informationen, Zahlen, Daten, Fakten, auf der Website verfügbar sind.

SACHSEN DEPESCHE: Über die von Herrn Wagentrotz erwähnte Stiftung, „Angels in Action“, ist nur schwer etwas herauszubekommen. Können Sie vielleicht erläutern, womit sich die Stiftung befasst und welchen Zweck sie verfolgt?

Dr. Michele Sciurba: Hierzu kann ich Ihnen überhaupt nichts sagen. Das soziale Engagement der OGI AG betrifft zurzeit nur zwei Bereiche. Im großen Umfang MOAS (Migrant Offshore Aid Station), der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer, und im kleinen Umfang werden Einzelprojekte der Faustkultur-Stiftung in Frankfurt am Main unterstützt (www.faust-kultur.de).

SACHSEN DEPESCHE: Den Angaben auf der OGI-Internetseite zufolge, wo Sie als Prokurist ausgewiesen sind, werden Sie sicherlich auch unter dem neuen Vorstandsvorsitzenden Günter Döring weiterhin beratend für die OGI AG tätig sein. Oder gibt es andere Pläne?

Dr. Michele Sciurba: Wir haben einen Beratungsvertrag, den wir sicherlich weiter erfüllen werden, indem wir weiterhin alles dafür tun, die OGI AG zu einem wachstums- und kapitalmarktorientierten Unternehmen zu strukturieren. Darüber hinaus stehe ich persönlich für die Bereiche Finanz- und Budgetplanung, Controlling und Optimierung der Bohrvorhaben in den USA der OGI beratend zur Verfügung.

SACHSEN DEPESCHE: Wie schätzen Sie persönlich denn den neuen Vorstandsvorsitzenden Döring ein?

Dr. Michele Sciurba: Ich halte Herrn Döring für einen besonnenen, erfahrenen und klugen Kaufmann, der so professionell wie möglich am Erfolg des Unternehmens arbeitet.

SACHSEN DEPESCHE: Herr Dr. Sciurba, wir bedanken uns bei Ihnen recht herzlich für das Gespräch.

Dr. Michele Sciurba wurde 1968 in Palermo (Sizilien) geboren, wuchs in Oldenburg (Niedersachsen) auf und studierte Philosophie in Frankfurt und Rom. Seit 1999 arbeitet er mit seiner GMVV & CO. GmbH als strategischer Berater bei Cross-Border-Transaktionen im Energiesektor. Außerdem berät er verschiedene Regierungsorganisationen bei ökonomischen Entwicklungsfragen und betätigt sich in verschiedenen NGOs im Bereich völker- und menschenrechtlicher Fragen. 2010 gründete er die Galerie Art Virus Ltd. in Frankfurt am Main, die immer wieder Non-Profit-Kunst und Literaturprojekte fördert, etwa die Edition Faust, zu deren Verlagsteam Michele Sciurba gehört. Als ausgewiesener Öl- und Gas-Experte berät er zudem die Oil & Gas Invest AG (OGI AG), deren Prokurist er zudem ist.

Letzte Änderung am Samstag, 31 Oktober 2015 08:40
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Enno-Martin Cramer

Enno-Martin Cramer wurde 1986 in Hamburg geboren.

Er studierte in Hamburg und Dresden Volkswirtschaftlehre, Philosophie und Politikwissenschaft.

Vor allem beobachtet und reflektiert er das Geschehen im Finanzmarkt und zu Unternehmensentwicklungen seit Oktober 2015 für unsere Redaktion.

Cramer beschäftigt sich aber auch intensiv mit der Landes- und Kommunalpolitik.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/47-enno-martin-cramer.html
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