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„Sächsischer Pragmatismus“ – neue Politik für den Freistaat?

Dr. Maximilian Krah (AfD) im Gespräch mit der SACHSEN DEPESCHE

Dienstag, 30 Januar 2018 04:10 geschrieben von  Jan Erbenfeld
Optimismus ist Pflicht! - Dr. Maximilian Krah aus Dresden Optimismus ist Pflicht! - Dr. Maximilian Krah aus Dresden Quelle: Maximilian Krah

Dresden – In wenigen Tagen wird der Parteitag der sächsischen AfD eine neue Landesspitze wählen. Das Interregnum eines sogenannten Notvorstandes, der seit dem Bruch mit der bisherigen Landesvorsitzenden Frauke Petry die Arbeitsfähigkeit garantiert, geht dann zuende. Nicht wenige AfD-Mitglieder sehen in dem Dresdner Rechtsanwalt Maximilian Krah einen Hoffnungsträger und aussichtsreichen Kandidaten für die kommende Vorstandswahl. SACHSEN DEPESCHE hat ihn in Dresden getroffen.

SACHSEN DEPESCHE: Herr Dr. Krah, in Kürze wählt die Sachsen-AfD einen neuen Landesvorstand. Werfen Sie Ihren Hut in den Ring?

Maximilian Krah: Ich habe es vor. Ein Parteitag hat immer eine gewisse Eigendynamik und zudem ist eine Mitarbeit nur fruchtbar, wenn das ganze Team am selben Strang zieht, so dass ich mir auch einen Verzicht offen halte. Aber ich hoffe doch, dass die AfD die Kraft zu einem Vorstand findet, der eine echte Option für einen Regierungswechsel in Sachsen herstellen kann.

SACHSEN DEPESCHE: Es heißt, manche AfD-Funktionäre sehen Ihren Wandel nach 25 Jahren CDU mit Skepsis. Wie kommt ein „geborenes CDU-Mitglied“ (Krah über Krah) in die AfD? Was antworten Sie ihren innerparteilichen Kritikern?

Maximilian Krah: Schön, dass Sie „Funktionäre“ und nicht die Mitglieder ansprechen. Funktionäre wollen Funktionäre bleiben. Da stört grundsätzlich jeder mit neuen Ideen. Den Mitgliedern gebe ich zwei Antworten: die erste, dass ich mich inhaltlich nicht gewandelt habe. Wer auf meinem Blog Artikel von 2012 liest, wird dieselben Prinzipien erkennen, die ich auch heute vertrete. Sicher gibt es Entwicklungen im Denken, aber keinen Bruch. Ich bin mir treu geblieben und habe deshalb die Partei gewechselt. Das Zweite ist, dass die Stärke der AfD als Sammlungspartei in ihrer Breite liegt. Uns eint die Erkenntnis, dass die etablierten Parteien Deutschland zugrunde richten. Ob man zu dieser Überzeugung von einem dezidiert nationalkonservativen, christlich-konservativen oder wirtschaftsliberalen Hintergrund findet, ist sekundär. Es gilt der österreichische Wahlspruch: Viribus unitis – Wir siegen gemeinsam. Ich sehe mich als einen wertebewussten Pragmatiker. Konservative Wertvorstellungen und gesunder Menschenverstand sind die beste Basis für eine ausgewogene Politik.

SACHSEN DEPESCHE: In einem Interview beschreiben Sie sich als politisch liberal. Ihre Diktion ist positiv und verbindlich, ganz anders als die verstiegene Kampfrhetorik eines Björn Höcke. Wie geht das zusammen?

Maximilian Krah: Zunächst: Die AfD ist stark, weil sie sehr verschiedene Charaktere vereint. Für mich gilt ein Satz von Vaclav Klaus: Optimismus ist Pflicht! Wir haben es jeden Tag neu in der Hand, die Dinge zum Besseren zu wandeln. Und Humor hilft dabei ungemein. Diese Lebenseinstellung versuche ich auch in meinen Reden und Artikeln zu vermitteln.

SACHSEN DEPESCHE: Im sächsischen Landtag sitzen seit 2014 immerhin 9 (von ursprünglich 14) AfD-Abgeordnete. Doch in der Öffentlichkeit sind diese weitgehend unbekannt, werden außerhalb des Parlaments kaum wahrgenommen. Warum?

Maximilian Krah: Es gibt einen Unterschied zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung von AfD-Abgeordneten. Jene würden diesen Mangel an Öffentlichkeit sicher mit einer AfD-feindlichen Presse erklären. Natürlich gibt es auch andere Ursachen. Die AfD-Fraktion wurde 2013 nominiert, als die Partei zwei Jahre alt war. Die AfD von 2018 ist eine viel größere, komplexere und auch stärkere Truppe. Diese Stärke sollten wir in die nächste Fraktion einfließen lassen. Die gegenwärtige Fraktion gibt ihr Bestes, aber für einen Regierungswechsel 2019 reicht das nicht.

SACHSEN DEPESCHE: „Die guten CDUler treffen sich bei der AfD“, haben Sie 2017 einmal gesagt. Konservative Aushängeschilder der Union, wie Bosbach oder Vaatz, sehen das sicher anders.

Maximilian Krah: Was die CDU angeht: Wer noch immer nicht verstehen will, ist wirklich blind. Ich lasse mir gern vorwerfen, lange gebraucht zu haben, ehe ich die Ausweglosigkeit der Konservativen in der Union erkannt und entsprechend reagiert habe. Aber 2018 sollte es dann auch der Letzte kapiert haben. Für mich sind ein Wolfgang Bosbach und auch Arnold Vaatz im Grunde traurige Gestalten. Beide wissen, was läuft und nutzen ihre Reputation, um Leichtgläubige zu veranlassen, eine Politik zu wählen, von der sie wissen, dass sie falsch ist.

SACHSEN DEPESCHE: Bislang ist die sächsische AfD kaum durch eine originelle Programmatik aufgefallen, beschränkt sich die Auseinandersetzung mit den politischen Strömungen der Zeit eher auf Schlagworte. Kann man von Ihnen mehr erwarten?

Maximilian Krah: Wir gewinnen 2019 nur, wenn wir besser auf jeder Position sind: inhaltlich wie personell. Ich möchte einen Start-Ziel-Sieg haben: das politische Sachsen soll ausschließlich über die Vorschläge der AfD diskutieren. Ideen habe ich, und die Mitglieder haben noch mehr, was man sammeln, prüfen, formulieren muss. Drei Beispiele: Ich rege die Gründung einer Reserve-Polizei an, ähnlich der Freiwilligen Feuerwehren und der Reservisten der Bundeswehr. So sind wir schnell und kostengünstig in der Lage, in Krisiensituationen die Ordnung aufrecht zu erhalten. Ich rege weiter an, den 13. Februar, den Tag der Zerstörung Dresdens, als Gedenktag zum staatlichen Feiertag zu erheben. Und ich denke, dass wir an den Schulen vielleicht durch traditionelles Liedgut etwas für die Identitätsbildung der Sachsen tun können. Versprochen, jeder dieser Punkte wird zu Diskusionen führen, und die werden wir gewinnen.

SACHSEN DEPESCHE: Anläßlich der Bundestagswahlen im Vorjahr wurde die AfD mit 27 Prozent der Zweitstimmen stärkste Partei im Freistaat. Sachsen gilt seit jeher als konservativ. Was sind die Ursachen?

Maximilian Krah: Ich würde nicht von „konservativ“ sprechen. Es ist eher sächsischer Pragmatismus. Was wir in Deutschland derzeit erleben, ist eine Politik der Hypermoral. Statt um Fakten, um Praktikabilität, um Vernunft, geht es um reine Ideologie. Doch die Sachsen bleiben einfach nüchtern, lassen sich nicht verrückt machen. Ähnlich wie die Menschen in Osteuropa. Dafür sehe ich einige Ursachen. Zunächst das regionale Selbstbewusstsein. Viele Ostdeutsche haben nach 1989 ihren Stolz verloren, empfanden sich dem Westen unterlegen, den sie zu kopieren suchten. In Sachsen war das anders. Hier wußte man, wer man war und das man auf historischem Boden steht, dem der Erfolg geradezu innewohnt. Dann haben sich selbst über den Kommunismus manche traditionelle Werte und Überzeugungen erhalten, fast wie Samen unter einer Schneedecke. Lesen Sie Uwe Tellkamps „Turm“, da wird das beschrieben. Der Westen hat eine viel gründlichere Kulturrevolution, man kann auch sagen: Gehirnwäsche, erlebt. Deshalb ist im Osten die Nation ein positiv besetzter Begriff, während die tonangebenden Kreise des Westens nur eine Verbrechensgeschichte assoziieren. Auch der Marxismus hat letztlich positiv gewirkt: er mag in vielem falsch liegen, bleibt aber eine in sich schlüssige Philosophie. Wer sie kennenlernen musste, versteht zumindest, klar zu analysieren. Auch hat Marx die Nation nie abgelehnt. Es kommt also einiges zusammen.

SACHSEN DEPESCHE: 2019 wählen die Sachsen einen neuen Landtag. Wagen Sie eine Prognose?

Maximilian Krah: Das hängt allein von der AfD ab. Ohne ein mutiges Programm und überzeugende Persönlichkeiten wird man knapp über 20 Prozent der Stimmen liegen, während die CDU über 30 Prozent erzielen wird. Nutzt die AfD aber ihr Potential und greift mit besseren Ideen und klügeren Köpfen an, wird sie stärkste Kraft! Das würde bedeuten, dass jede Regierung entweder die AfD oder die Linke einbinden müsste. Da aber die CDU-Basis – da bin ich optimistisch – eine Zusammenarbeit mit der Linken nicht akzeptieren wird, besteht die realistische Aussicht auf eine AfD-geführte Regierung.

SACHSEN DEPESCHE: Herr Dr. Krah, vielen Dank für das Gespräch!


Zur Person: Dr. Maximilian Krah (40) ist in Räckelwitz bei Bautzen geboren und lebt seit seiner Kindheit in Dresden. Er ist verwitwet und Vater von sechs Kindern. Nach Abitur (Kreuzgymnasium) und Wehrdienst, Studium der Rechtswissenschaften in Dresden (Dr. iur.) und Betriebswirtschaft in London und New York (M.B.A.). Seit 2005 als Rechtsanwalt tätig. Schon als Schüler in der Jungen Union (JU) aktiv, gehörte der bekennende Katholik seitdem der CDU an, die er im September 2016 verließ. Mitglied der sächsischen AfD.

Letzte Änderung am Dienstag, 30 Januar 2018 04:57
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