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Vor 100 Jahren

13. November 1918: Sachsens König Friedrich August III. verzichtet auf den Thron

Montag, 12 November 2018 05:14 geschrieben von 
König Friedrich August von Sachsen König Friedrich August von Sachsen Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden – Am 13. November 1918 unterzeichnete Sachsens letzter König Friedrich August III. (1865-1932) auf Schloß Guteborn bei Ruhland eine aus ganzen fünf Worten bestehende Erklärung: „Ich verzichte auf den Thron.“ Jene Abdankung aber war der Schlußstrich unter eine mehr als 800 Jahre währende Ära, in der die Wettiner, eines der ältesten deutschen Fürstengeschlechter, im Gebiet des heutigen Sachsens und der Lausitz, als Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige die politischen Geschicke in den Händen hielten. Es entbehrt nicht der Tragik, daß ausgerechnet Friedrich August, jener „Bilderbuchkönig einer für ihre Zeit freiheitlich-demokratischen und rechtsstaatlichen sächsischen Kulturmonarchie“ (Christoph Jestaedt), dieses Zeitalter beschließen sollte.

Sachsens volkstümlicher König

Am 25. Mai 1865 als ältester Sohn Prinz Georgs von Sachsen in Dresden geboren, hatte Friedrich August nach Studium und Militärdienst die Erzherzogin Luise von Toscana (1870-1947) geheiratet. Mit einer Affäre und anschließender Flucht provozierte Luise einen europäischen Skandal; doch getragen von der Sympathie der Bevölkerung, bemühte sich der Thronfolger nach Kräften, seinen sieben Kindern die Mutter zu ersetzen. Seit 1904 König, suchte Friedrich August III. den Ausgleich zwischen Tradition und Fortschritt und legte das Schwergewicht auf die schöpferische Entfaltung von Wirtschaft und Kultur. Die Sachsen schätzten sein offenes natürliches Wesen, seine Güte und den schlagfertigen Humor. Ohne Begleitung schlenderte Friedrich August durch die Straßen der Residenz, kam mit den Dresdnern ins Gespräch und fand die richtigen Worte. Dafür wurde er im Volk verstanden und geliebt.

Während des Ersten Weltkrieges führten ihn Frontreisen zu sächsischen Regimentern. Der König teilte die Trauer um gefallene Landeskinder und bangte um das Leben auch der eigenen, Waffendienst leistenden Söhne. Nach mehr als vier Kriegsjahren zerbrach die Heimatfront, griffen Unruhen nach Sachsen über. Als Vertreter der Armee die Auffassung vertraten, daß Widerstand unmöglich sei, da keine zuverlässigen Truppen mehr zur Verfügung stünden, resignierte der Monarch und verließ Dresden. Auf dem Schloßturm aber ging die rote Fahne hoch. Nach dem Thronverzicht zog sich Friedrich August nach Sibyllenort zurück, einer Besitzung des Königshauses im schlesischen Landkreis Oels. An Sachsens Schicksal und dem seiner Landsleute weiter Anteil nehmend, lebte er als Privatmann im Kreise der Familie. Am 18. Februar 1932 verstarb Friedrich August nach einem Schlaganfall. Das trauernde Dresden bereitete seinem Ehrenbürger einen bewegenden Abschied. Mehr als 500 000 Menschen sollen dazu aus allen Landesteilen zusammengekommen sein, 14 Jahre nach dem Ende der Monarchie!

Sachsen und die Wettiner

Eindrucksvoll ist die Bilanz, welche das Sachsenvolk unter Führung der Wettiner vorzuweisen in der Lage ist. Aus einer umkämpften Grenzmark war durch den Fleiß und die Innovationskraft von Generationen die höchstindustrialisierte Region des Kaiserreichs geworden. Sachsen, dessen Bevölkerung sich zwischen 1871 und 1914 nahezu verdoppelt hatte, besaß das dichteste Städte-, Eisenbahn- und Straßennetz Deutschlands. Mit seinen blühenden Wirtschafts- und Handelszentren bot das Königreich nachgerade „das Musterbild eines aufstrebenden Industriestaates“ (Frank-Lothar Kroll). Sinnfälliger Ausdruck jener fruchtbaren Kontinuitär, die in der Einheit von Herrscherhaus und Landesnation begründet lag, ist ein 102 Meter langes Wandbild , der „Fürstenzug“ am Dresdner Residenzschloß, dessen Faszination seit seiner Entstehung (1876/1907) nicht nur die Sachsen in seinen Bann zieht.

Auf die politischen Weichenstellungen aber kam es an. So ebnete Sachsens erste Verfassung vom 4. September 1831 schon früh den Weg des Landes vom Absolutismus hin zum bürgerlichen Rechtsstaat. Seither waren die Grundrechte des heutigen Staatsbürgers - die Freiheit der Person und des Eigentums, freie Berufswahl und Religionsausübung sowie die Gleichheit aller vor dem Gesetz - im sächsischen Königreich garantiert. Im Land der albertinischen Wettiner entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine vielgestaltige Kulturlandschaft, der auch Bach, Händel, Schumann, Wagner, Lessing, Fichte, Novalis, Nietzsche und Martin Luther entstammten. Um wieviel ärmer wäre die heutige Bundesrepublik ohne jene sächsische „Mitgift“, die Barockschöpfungen des Augustäischen Zeitalters, die Kostbarkeiten in Schlössern, Burgen und Sammlungen, die Musikstätten in Leipzig und Dresden, das Meißner Porzellan?

Selbst wenn die geschilderte Entwicklung 1918 ein Ende fand und die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auch an Elbe und Mulde Spuren hinterließen, bleiben Kurfürstentum und Königreich wesentlicher Teil einer leuchtenden Gesamtüberlieferung, die den Namen Sachsens in der Welt bis heute charakterisiert. Über alle Umbrüche hinweg haben die Sachsen ihre Identität zu bewahren verstanden und 1989 mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ Mauer und Diktatur zum Einsturz gebracht. Auch in jüngerer Zeit wurde im weiß-grünen Freistaat das Bedürfnis nach echter Mitbestimmung und mancher Zweifel an einer beunruhigenden Berliner Politik selbstbewußt artikuliert. Ziel wüster Schmähungen wurden darob besonders die unbotmäßigen Einwohner der vormaligen Residenzstadt Dresden. Gerade hier aber sollte man sich des Geschehens vor 100 Jahren erinnern, als Sachsens letzter König - allein für sich und n i c h t für seine Nachkommen – auf den Thron seiner Väter verzichten mußte.

 

Literatur:

Karlheinz Blaschke: Der Fürstenzug zu Dresden. Denkmal und Geschichte des Hauses Wettin. Leipzig, Jena und Berlin 1991
Suzanne Drehwald / Christoph Jestaedt: Sachsen als Verfassungsstaat. Leipzig 1998
Friedrich Kracke: Friedrich August III. Sachsens volkstümlichster König. München 1964
Frank-Lothar Kroll: Geschichte Sachsens. München 2014

Letzte Änderung am Mittwoch, 14 November 2018 06:58
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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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