Login

sachsen-depesche.de

Freigegeben in Kunst & Kultur

Buchrezension und Veranstaltungsbericht

Anders als man erwartet: Sebastian Hennig und sein Buch „Pegida – Spaziergänge über den Horizont“

Mittwoch, 02 Dezember 2015 17:52 geschrieben von  Johann W. Petersen
Autor Sebastian Hennig (l.) und Grimme-Preisträger Torsten Preuß in Dohna Autor Sebastian Hennig (l.) und Grimme-Preisträger Torsten Preuß in Dohna Quelle: Dohnaer Salon

Dresden – Mit seinem vor knapp einem Monat erschienenen Buch „Pegida – Spaziergänge über den Horizont“ hat der Radebeuler Künstler, Schriftsteller und freie Journalist Sebastian Hennig erstmals eine Chronik jener Bewegung vorgelegt, die seit über einem Jahr weit über die Grenzen Dresdens und Sachsens hinaus für Schlagzeilen sorgt. In der lokalen Presse wurde das Buch zumeist kritisch rezensiert, handelt es sich dabei doch um Aufzeichnungen aus der Binnenperspektive, also um das Werk eines ausdrücklichen Pegida-Anhängers. Beim Lesen des Buches fällt einem jedoch sofort eines auf: Hennig ist kein „Jubelperser“ von Lutz Bachmann & Co. Wenn er es für angebracht hält, findet er auch Worte, die nicht jedem „Pegidianer“ schmecken dürften.

 

Sehr positiv hat die Chronik der Dresdner Politologe Werner J. Patzelt besprochen. Der kam in einem auf seinem Blog (www.wjpatzelt.de) zu dem Schluss: „Zu empfehlen ist dieses Buch vor allem jenen, die sich nicht erklären können, warum – ‚angeblich‘ – ganz normale Leute ‚jemandem wie Bachmann hinterherlaufen können‘. Nicht zu empfehlen ist die Lektüre des Buches aber allen, die sich ihr Feindbild von Pegidianern als allesamt Rassisten und Nazis, Ratten und Mischpoke, sich immer weiter radikalisierendem Abschaum mit Kälte und Hass im Herzen aufrechterhalten wollen – sei es aus mangelnder Neugier, sei es wegen unzulänglichen Informationszugangs, sei es als unversiegbare Quelle von Abwehrmotivation.“

In der „Morgenpost“ war hingegen zu lesen, das „verschwurbelte Buch“ sei von einem „Mitläufer“ verfasst worden, der Pegida „als Erbe und in der Folge der Anti-Hartz-IV- und ‚Friedens‘-Demonstranten zur Ukraine-Krise“ sehe. Verfasser Torsten Hilscher nennt Hennig, der einem nicht gerade als Scharfmacher erscheint, sogar einen „Fanatiker“ und einen „(durchaus verzweifelten) Menschen, der nur gerade noch das künstlerische Ausdrucksmittel Buch gewählt hat“ – was auch immer das heißen soll. Etwas ausgewogener fällt da schon die Rezension des Literaturwissenschaftlers und SZ-Kolumnisten Michael Bittner (www.michaelbittner.info) aus, für den der Autor immerhin „ein kluger und gebildeter Mann“ ist, „der einen gepflegten Stil nicht ohne Witz schreibt.“

Tatsächlich ist „Pegida – Spaziergänge über den Horizont“ keine dröge Aneinanderreihung von Daten und Ereignissen, sondern besitzt literarische Qualität. Intellektuell hebt sich Hennig deutlich vom Otto-Normal-Wutbürger ab, seine Urteile sind differenzierter, sein Stil geschliffener. Die tagebuchartigen Aufzeichnungen erstrecken sich über das erste Jahr der Montagsdemonstrationen, berücksichtigen aber auch andere Veranstaltungen wie Diskussionsabende oder Vorträge, die sich mit dem Pegida-Phänomen auseinandergesetzt haben. Hennig beschäftigt sich dabei ohne Scheuklappen mit den Vorgängen und hat sich die Argumente aller Seiten angehört. Einige seiner Einträge befassen sich auch mit den Diskussionen im Bekanntenkreis oder mit einer befreundeten türkischen Familie.

Der Eindruck eines gebildeten und vom Typus her außergewöhnlichen Pegida-Anhängers verfestigte sich bei einer Buchlesung, die Hennig auf Einladung des „Dohnaer Salons“ (www.facebook.com/dohnaersalon) kürzlich in Dohna bei Dresden durchführte. Dass der Autor an diesem Abend ein „Heimspiel“ absolviert, wird dem aufmerksamen Beobachter sofort klar, denn bereits beim Betreten der urigen Lokalität sticht einem eine riesige Wirmer-Flagge ins Auge, also jene Fahne aus NS-Widerstandskreisen, die inzwischen zu einer Art inoffiziellem Symbol der Pegida-Bewegung geworden ist.

Gleich zu Beginn der Lesung erläutert Hennig, wie er überhaupt zu Pegida gekommen ist: Er habe zunächst „zum Jagen getrieben werden“ müssen, sei nicht ganz freiwillig zu seiner ersten Demo (dem siebenten Abendspaziergang am 1. Dezember 2014) gegangen, sondern im Auftrag des „Compact“-Magazins unterwegs gewesen, für das er als freier Journalist von der Veranstaltung berichten sollte. In der entsprechenden Notiz kann man lesen, wie er sich zunächst vorsichtig, eher skeptisch an die für ihn bis dahin unbekannte Bewegung herangetastet hat: „Da das Ausmaß der Zugangsbehinderung durch Gegendemonstrationen nicht abzuschätzen ist, mache ich mich früh auf den Weg. Das Rad schließe ich nahe dem Goldenen Reiter am rechten Elbufer an und gehe zu Fuß über die Augustusbrücke. Ich bin weder ein Schlachtenbummler noch Freund von großen Menschenansammlungen. Ereignisse, die widerwärtig oder langweilig verlaufen könnten, versuche ich mit zuverlässig erfreulichen Erfahrungen abzusichern. Ein Klassentreffen ertrug ich, weil ich unter dem Nachthimmel auf Ski durch das verschneite Elbtal bis zum Ballhaus Watzke in Mickten geglitten bin. Auch heute hätte mich wohl die Fahrradfahrt längs der Elbe durch die ernüchternde Winterkühle hinreichend gegen das kommende wappnen können. Doch die völlige Ungewissheit forderte eine stärkere Ertüchtigung der Sinne. Im Residenzschloss sah ich mir eine Ausstellung mit Gemälden und Zeichnungen der italienischen Frührenaissance an. Duccio di Buoninsegna und Giotto di Bodone stechen Dynamo-Dresden-Hools und Undogmatische Radikale Antifa Dresden. Sollte der Abend wirklich in Misstönen verebben, dann bliebe mir unter der Jauche noch eine Neige von Schönheit zurück.“ Die Befürchtungen sollten sich in seinen Augen allerdings nicht bewahrheiten. Fortan nahm er mit wachsender Begeisterung an den Demonstrationen teil, auch wenn seine damals 16-jährige Tochter ihn ab und zu ein wenig motivieren musste.

Neben anderen Passagen trägt Hennig bei seiner Lesung auch diese Textstelle vor. Im Publikum sitzt an diesem Abend Torsten Preuß. Der 1963 in Dresden geborene Journalist, der 1995 als Mitautor der Dokumentation „Chronik der Wende“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, wagte sich im Juni 2015 bei Pegida mit einer vielbeachteten Rede hervor. In „Pegida – Spaziergänge über den Horizont“ heißt es über den 1984 in die Bundesrepublik ausgereisten DDR-Dissidenten, der zunächst bei der „taz“ unterkam, um dann unter anderem als Reporter und Autor für die „Berliner Zeitung“, den „Stern“ und das ZDF-Magazin „Kennzeichen D“ tätig zu werden: „Voller Bewunderung hatte mir der wichtigste Schulfreund der Wendezeit und Kamerad bei manchen wilden Unternehmungen jener Jahre von seinem zehn Jahre älteren Cousin im Westen erzählt. Dieser Aufsässige musste in die BRD gehen und sei dort kompromisslos und streitbar geblieben, unter anderem als Journalist bei der ‚tageszeitung‘, deren Stil wir beide damals bewunderten. Unfehlbar ist es dieser Torsten Preuß, der jetzt auf dem Schlossplatz vom Pegidawagen zu den Versammelten spricht, nicht weit von der Straße, an der ein Pflasterstein den Standort des Kaisers Napoleon bei der Truppenparade im August 1813 bezeichnet. Es gibt eben keine Zufälle im Leben, vorausgesetzt, man bleibt aufmerksam.“

Hennig erteilt Preuß in Dohna das Wort. Der berichtet darüber, wie er nach seiner Ausreise aus der DDR zunächst in einem besetzten Haus in Berlin-Kreuzberg unterkam und sich doch einigermaßen darüber wunderte, dass die Bewohner teilweise jenes System verherrlichten, dem er gerade entkommen war. Er erinnere sich auch noch an eine große Fahne der kurdischen PKK, die in einem der Räume in diesem Haus hing und die ihm dann im letzten Jahr bei einem Demonstrationszug wieder aufgefallen sei, als er mit seiner Lebensgefährtin durch die Dresdner Innenstadt spazierte. Ihm sei dann bewusst geworden, wie sehr sich auch das Gesicht seiner Heimatstadt in den letzten Jahren gewandelt hätte, so dass er bald daraufhin Kontakt zu Pegida-Organisator Lutz Bachmann aufnahm, um seinen „Dresdner Brief an alle Deutschen“ auf einer der Montagsdemonstrationen zu verlesen. An eine Fortsetzung seines beruflichen Werdegangs bei etablierten Presseorganen sei spätestens dann nicht mehr zu denken gewesen.

Nach der Lesung können Fragen an den Autor gestellt werden. Hier kommt gleich zu Beginn ein Sachverhalt zur Sprache, der im weiteren Verlauf zu einer hitzigen Debatte führen soll. In seinem Vorwort zu „Pegida – Spaziergänge über den Horizont“ schreibt Michael Beleites, ehemaliger sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen: „Wenn wir dieses offene Gespräch führen wollen, müssen wir uns gegenseitig verstehen. Und dazu brauchen wir nicht zuletzt eine gut lesbare Pegida-Chronik der Pegida-Bewegung. (…) Am geeignetsten wäre hierfür wohl jemand, der sich im Erwachsenenalter nach reiflicher Überlegung in die Traditionslinie des Islam hineingestellt und nun den Aufbruch der ‚Patriotischen Europäer gegen eine Islamisierung des Abendlandes‘ mit großer Anteilnahme begleitet hat. Es gibt so jemanden tatsächlich: Er heißt Sebastian Hennig und ist Autor dieses Buches.“ Mit anderen Worten: Der Autor ist selber Muslim.

Hennig hat Fragen dazu offenbar schon erwartet und gibt bereitwillig Auskunft, auch wenn er, wie er erklärt, „nicht darauf festgelegt werden“ möchte. Für ihn sei dies eine rein persönliche Angelegenheit, die seine grundsätzlich positive Wahrnehmung der Pegida-Bewegung, deren Zuwanderungskritik er teile, nicht beeinträchtige. Im Übrigen sei er nicht der einzige Muslim, der an den „Montagsspaziergängen“ teilnehme. Er stamme aus einem protestantischen Elternhaus, führt Hennig weiter aus, habe schon früh eine Faszination für die Texte des Alten Testaments entwickelt, sei aber von der Amtskirche enttäuscht worden. Durch die Freundschaft zu „europäischen Muslimen“ habe er schließlich die „private Entscheidung“ getroffen, den Islam als Religion anzunehmen.

Deswegen habe er auch nach wie vor Probleme mit manchen islamfeindlichen Plakatlosungen und Rednern bei Pegida. Hennig nennt als Beispiel den Münchner Islamgegner Michael Stürzenberger, der zwar „ein guter Entertainer“ sei, jedoch zu groben Vereinfachungen neige. In seinem Buch schreibt Hennig über den früheren CSU-Mann: „Mit ausgreifenden Handbewegungen rührt er vor sich die Luft um. Er kann das wirklich ausgezeichnet, ist der geborene Volksredner, ohne wirklich volkstümlich zu sein.“ Die Zuhörer hätten sich „von seinem demagogischen Flämmlein kitzeln“ lassen, „ohne dadurch zu entflammen“. Oder: „Gestalten wie Herrn Stürzenberger sahen wir oft schon seit 1990 auf der Sonderangebotsfläche im Tiefgeschoss des Karstadt-Kaufhauses. Dieser Israel-Michi und Freiheits-Stürzi aus München wirkt hier wie ein Wurstmaxe und Käse-Maik auf den Marktschreiertagen. Man hört ihnen fasziniert zu, kaufen will man eher nichts.“

Im weiteren Verlauf der Debatte sieht sich Hennig immer wieder genötigt, sein religiöses Bekenntnis gegen Kritik zu verteidigen. Auch auf den Vorwurf, dass es sich dabei um eine sehr kämpferische Religion handle, weiß er eine Entgegnung: Sei es nicht vielmehr ein Problem, dass die Europäer nicht bereit seien, ihre kulturellen Grundlagen ebenso kämpferisch zu verteidigen? Natürlich lehne er Terroranschläge wie jüngst in Paris, die im Namen des Islam begangen würden, ab, dies sähe jedoch die Mehrheit der Muslime auch so, was gerade „in rechtspopulistischen Kreisen“ gerne unterschlagen werde. Hennigs offensive Haltung führt bei manchem im Publikum zu Irritationen, man sieht mitunter versteinerte Gesichter, an einem Tisch steht ein Ehepaar auf und geht in Richtung Ausgang, die Frau murmelt halblaut: „Sowas müssen wir uns wirklich nicht anhören.“

Nun ist also doch passiert, was Hennig eigentlich vermeiden wollte: Sein überaus differenzierter, zumeist wohlwollender Blick auf Pegida, seine Verteidigungsschrift für eine in weiten Teilen der Öffentlichkeit verfemte Bürgerbewegung tritt in den Hintergrund, er ist nun „der Moslem“, der sich, wenn nicht rechtfertigen, so doch vor dem Publikum erklären muss. Ein paar besonnene Zuhörer schaffen es schließlich, die Wogen wieder zu glätten und zu einer versöhnlichen Stimmung zurückzukehren.

Die Buchlesung mit Sebastian Hennig ist nicht nur in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich und dürfte bei vielen Besuchern Interesse an seinem lesenswerten Buch geweckt haben. Darin wünscht er sich am Ende, „dass der Frieden und die Nachdenklichkeit von Pegida die sterile deutsche Öffentlichkeit befruchten“, hat allerdings berechtigte Zweifel daran, „dass die inquisitorische Sprache und die hetzerische Praxis von Politik und Öffentlichkeit schwindet“. Die Entwicklungen der letzten Wochen scheinen ihm Recht zu geben. In der Öffentlichkeit ist Pegida schärferen Angriffen denn je ausgesetzt. Viele Anhänger stellen sich indes die Frage, worin die Proteste überhaupt münden sollen. Was ist das Ziel von Pegida? Was strebt man an? Auf solche Fragen müssen Lutz Bachmann, Tatjana Festerling und ihre Leute bald überzeugende Antworten finden. Sonst könnte die Pegida-Bewegung bald ebenso schnell verschwinden, wie sie einst aufgetaucht ist.

Literaturhinweis:

Sebastian Hennig: Pegida – Spaziergänge über den Horizont. Eine Chronik
191 Seiten, Arnshaugk 2015, € 15,00.
Zu beziehen über: www.arnshaugk.de

Letzte Änderung am Donnerstag, 03 Dezember 2015 16:59
Artikel bewerten
(16 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten

Redaktion