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Eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert

Beim Grafen Wackerbarth in Großsedlitz

Sonntag, 09 Juli 2017 04:52 geschrieben von 
Polnischer Besuch beim Grafen Wackerbarth (rechts) in Großsedlitz Polnischer Besuch beim Grafen Wackerbarth (rechts) in Großsedlitz Quelle: Marko Förster

Großsedlitz – Großsedlitz ist Sachsens bedeutendste Gartenschöpfung und eine der authentischsten Barockanlagen Deutschlands. Für seinen Ruhesitz hatte Reichsgraf August Christoph von Wackerbarth (1662-1734) einst Schloss, Orangerie und Teile einer großangelegten Gartenanlage errichten lassen. Für einen Tag im Juli stand „Sachsens Versailles“ aus besonderem Anlass im Blickpunkt der Barockfreunde, denn illustrer Besuch aus Polen hatte sich angesagt.

 

Wir befinden uns im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, es ist die Zeit der polnisch-sächsischen Union. August II., Sachsens starker Kurfürst, ist als polnischer König in Europa anerkannt. Polens Wirtschaft floriert, Kunst und Kultur stehen in hoher Blüte. Im Schloss zu Oporow, einer Kleinstadt nahe Kutno, träumt ein Schlachtschitze (Angehöriger des polnischen Kleinadels) seinen Traum. Besessen von der Vorstellung, am Warschauer Hof Dienst zu tun, verfaßt Graf Mecinski unzählige Briefe an polnische Berater und Minister des Königs, an den Grafen Flemming, schließlich an Wackerbarth, Augusts Bauminister. Antwort erhielt er nie.

Mecinski fiel aus allen Wolken, als der König auf dem Weg von Thorn nach Warschau über Kutno reisend, eines Tages auch in Oporow Station machte. Der Graf zog alle Register, um Majestät zu beeindrucken, ließ gar ein Konzert aufführen - und hoffte dabei inständig, dass August sich doch seiner Briefe erinnern möge … Der König reiste ab, nicht ohne Mescinski ein Bataillon Soldaten anzuvertrauen, die dieser fortan zu unterhalten hatte, selbstredend auf eigene Kosten. Des Grafen Schulden wuchsen wie seine Verzweiflung, aus der ihn erst eine Einladung des Grafen Wackerbarth nach Sachsen erlösen sollte. Voller Erwartungen reiste Mescinski im Juli 1721 an die Elbe, denn da war er wieder: der Traum vom Dienst bei Hofe...

So oder ähnlich könnte sich die (fiktive) Vorgeschichte zu einem (realen) Gartenfest in Großsedlitz abgespielt haben, das am 1. Juli von gestandenen Reenactors – das sind auf weitgehende Authentizität bedachte Darsteller historischer Ereignisse – im Barockgarten Großsedlitz aufgeführt wurde. Rund 50 Darsteller werden es gewesen sein. Die Regie lag in den Händen von Uwe Müller alias Augustus Rex alias Graf Wackerbarth, der Mitstreiter aus dem sächsischen In-, dem preußischen Ausland und natürlich Polen begrüßen konnte. Alsda waren: Konrad Checinski alias Graf Mecinski, Maciej Rabalski als polnischer Freund Wackerbarths, „Soldaten“ des Festungsvereins Czestochowa (Tschenstochau) sowie Mitglieder der Gruppen „Societas Wettiniania“ (Warschau) und „SASKI 2018“ (Posen).

Vor zahlreichem Publikum zelebrierten die Akteure bei schönstem Barockwetter den Empfang des polnischen Grafen, der von seinem Gastgeber alsbald zur Tafel gebeten wurde. Im Anschluss vergnügen sich die Damen beim Maillespiel, einem höfischen Bewegungsspiel des 18. Jahrhunderts. Derweil patrouillierte sächsisches Militär prätentiös in den Parkanlagen, um die Einhaltung der vorgeschriebenen Etikette zu überwachen. Weitere Höhepunkte waren ein öffentlicher Fechtkampf, eine Modevorführung und die Tanzdarbietung an der unteren Orangerie.

Während Eleven der Musikschule Pirna noch für einen passenden musikalischen Ausklang sorgten, waren sich die Protagonisten längst einig: Mit einem Wackerbarth als Lobbyisten stehen die Chancen Graf Mecinskis besser denn je. Der packte die Gelegenheit beim Schopfe und lud Wackerbarthen nach Oporow ein. Eine Zusage liegt bereits vor. Anfang August wird unsere Geschichte ihre länderübergreifende Fortsetzung finden, Spielfreude garantiert!

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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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