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Aus dem Stolpener Land

Das Rennersdorfer Kammergut und die Anfänge der deutschen Merinoschafzucht

Samstag, 14 Oktober 2017 19:31 geschrieben von 
Das Rennersdorfer Kammergut 2016 Das Rennersdorfer Kammergut 2016 Quelle: Bert Wawrzinek

Stolpen – Nordwestlich der Burgstadt, vis-a-vis des nach Wilschdorf führenden Abzweigs, ragt die imposante Ruine einer barocken Dreiflügelanlage auf, ein verfallener Gebäudekomplex des ehemals kurfürstlichen Kammerguts. Durch den Zusammenkauf von Gütern war im 16. Jahrhundert ein Vorwerk entstanden, 1742 der als „Kammergut“ bezeichnete Dreiseithof. Seit 1778 befand sich darin die Hauptzuchtstelle für spanische Merinoschafe. Jene Feinwoll-Rasse hat ihren Ursprung in Nordafrika und war über Spanien nach Deutschland gekommen, wo 1765 in Sachsen die ersten „Merinos“ heimisch wurden.

Anlaß war die katastrophale wirtschaftliche Lage des Landes infolge des eben beendeten Siebenjährigen Krieges. Allein um Sachsen zu schwächen, sollen auf Befehl Friedrichs II. 40.000 Schafe nach Preußen getrieben worden sein. Unter der Regentschaft Prinz Franz Xavers von Sachsen kam man auf die Idee, zur Unterstützung der einheimischen Wollindustrie Merinoschafe aus Spanien zu importieren. Dort herrschte strenges Ausfuhrverbot, doch mit Maria Amalia von Sachsen, der Gemahlin Karls III., saß eine Enkelin Augusts des Starken auf dem spanischen Thron. Und so begab es sich, daß Sachsen die 230 Zuchtschafe sogar geschenkt bekam, welche aus besten spanischen Herden ausgewählt wurden.

Deren Heranholung gilt als logistische Meisterleistung jener Zeit. Im April 1765 waren der Schäfermeister Andreas Moreno und sein Gehilfe Manuel mit der Herde in Cadiz an Bord gegangen. Nach sechs Wochen Seereise konnten sich die Tiere auf eigens angelegten Hamburger Elbweiden erholen. Eine Schaftrift von 550 Kilometern Länge (13 täglich) schloß sich an. In sicherer Entfernung von den preußischen Grenzen ging es über Braunschweig, Goslar, südlich am Kyffhäuser vorbei über Bad Kösen und die beiden Mulden nach Meißen. Als die Herde, begleitet von einem spanischen Legationssekretär und dem Hohnsteiner Amtsverwalter, nach einem Vierteljahr schließlich Ende Juli in Dresden eintraf, war kein Tier verlorengegangen. Die deutsche Merinozucht konnte beginnen.

Zunächst im Stolpener Tiergarten untergebracht, wurden die Schafe zum Teil an sächsische Rittergüter vergeben, der Rest blieb als Stammzucht in Stolpen und Hohnstein. Da auch Hütejungen gebraucht wurden, übernahmen die beiden spanischen Schäfer noch ein Jahr deren Ausbildung. Das Rennersdorfer Kammergut aber wurde die Zentrale, der die kleineren Zuchtbestände in Stolpen, Altstadt bei Stolpen, Lohmen und Langenwolmsdorf unterstellt waren. Auch die bereits Jahre zuvor gegründete Schäferschule fand hier ihren Sitz. 1778 holte der Rennersdorfer Schafmeister Frenzel weitere 300 Merinos aus Spanien. Im Ausland wurde die feine „Elektoralwolle“ aus Sachsen geschätzt, galt in Fachkreisen gar als beste der Welt. Das Kurfürstentum wurde führendes Exportland für Schafwolle.

1796 hatte Johann Gottfried Nake (1770-1855) das Kammergut Rennersdorf als Verwalter übernommen. Mehr als ein halbes Jahrhundert leitete er die züchterische Arbeit, seine Erfolge machten ihn international bekannt und wohlhabend. Unterdes waren Merinoschafe auch bis Südamerika und Australien verbreitet, wo sich Wolle erheblich billiger produzieren ließ. Zudem verringerten die immer beliebter werdende Baumwolle und Billigimporte aus England die Nachfrage nach Schafwolle seitens der Textilindustrie. 1823 brach der Preis auf den sächsischen Wollmärkten zusammen, der Schafbestand verringerte sich drastisch.

Der Fiskus versteigerte das Kammergut 1874, Eigentümer waren Theodor Bake (1875) und Hermann Kopp (1898). Bis zum Ende des II. Weltkrieges wurde der Besitz von Dr. phil. Ulrich Clauß bewirtschaftet, den die neuen Machthaber, wie auch weitere Gutsbesitzer der Region, im Sommer 1945 samt Familie auf die Insel Rügen deportierten. Dort verstarb das Ehepaar Clauß, ohne Rennersdorf jemals wiedergesehen zu haben. In der DDR wurde das Gut zur Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), das vormalige Herrenhaus zum Lehrlingswohnheim. Mit der Reprivatisierung zu Beginn der 1990er Jahre fiel der seitdem verwaiste Komplex in einen Dornröschenschlaf. Mit morbidem Charme erinnert der Ort noch immer an jene Zeit, in der Rennersdorf das Zentrum deutscher Merinozucht und ein kurfürstlich-sächsisches Kammergut war.

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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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