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Sächsische Schweiz-Osterzgebirge

Denkmalalarm im Landkreis

Montag, 25 September 2017 18:33 geschrieben von 
Denkmalabriß 2017 im Stolpener Land Denkmalabriß 2017 im Stolpener Land Quelle : Bert Wawrzinek

Dresden – Wie eine Kleine Anfrage des grünen Landtagsabgeordneten Wolfram Günther kürzlich ans Licht brachte, sinkt die Zahl der geschützten Kulturdenkmale in Sachsen kontinuierlich. Noch im November 2014 gab es laut Innenminister Ulbig 102.911 Denkmale im Freistaat, im Mai 2017 waren es noch 101.600. Demnach gingen binnen zweieinhalb Jahren mehr als 1.300 Denkmale unwiderruflich verloren, und der Abriß geht munter weiter, auch im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Laut sächsischem Landesamt für Denkmalpflege sind die ehemals 9590 in SOE vorhandenen Denkmale (2000) auf aktuell 8422 geschrumpft, wurden, so das Innenministerium, seit der Wiedervereinigung 393 Kulturdenkmale abgerissen, darunter 72 technische. Hinter diesen abstrakten Zahlen verbirgt sich ein Aderlaß an historischer Architektur, der Städten und Dörfern erst ihren unverwechselbaren Charakter, ihren Einwohnern aber einen Teil ihrer Identität verleiht. Nicht selten wird die himmelschreiende Entsorgung des unbequemen Erbes in den Medien auch noch zustimmend kommentiert. Was aber steckt hinter diesen beunruhigenden Metaphern, dem Kampf gegende „drohende Ruinen“, dem Beseitigen von unbeliebten „Schandflecken“?

In Mittelndorf in der Sächsischen Schweiz, heute Teil der Stadt Sebnitz, ging kürzlich mit dem Abriß des alten Gasthofs angeblich ein „jahrelanger Albtraum“ zuende, da dessen (trotz Verfall imposante) klassizistische Ruine das Dorfbild „verschandelt“ habe. Jetzt bekommen die Mittelndorfer eine „neue Mitte“, einen zentralen Dorfplatz mit Sportbereich, barrierefreien Wegen, einer Sitzecke, diversen Stellflächen und eine behindertengerechte Bushaltestelle. Hört sich nett an, kostet aber auch. Neben Erwerb und Abriß (Fördermittel aus dem „Landesbrachenprogramm“) sind für den Dorfplatz 400.000 Euro kalkuliert (davon der Großteil Fördermittel aus dem Programm „Vitale Dorfkerne“). Außerdem glaubt man, beim Abriß ein „architektonisches Highlight“ (Freitags-SZ, 08.09.2017) entdeckt zu haben, einen historischen Gewölbekeller, der „dank des Denkmalschutzes“ (der den Abriß des Gebäudes selbst aber nicht verhinderte) erhalten werden muß, also in die Dorfplatzgestaltung „integriert“ werden soll. Dort können ältere Mittelndorfer dann ihre Rollatoren herumschieben und werden vielleicht überlegen, was sie einst hatten, und was sie stattdessen bekommen haben.

Im Stolpener Land, im idyllischen Dorf Lauterbach, wurde 2015 die Kirchmühle abgerissen, ein baulich noch intaktes Anwesen. Das Gebäude werde „nicht mehr benötigt“, dafür müsse man an der eng vorbeiführenden Dorfstraße eine „verkehrstechnische Engstelle“ beseitigen, ließ das zuständige Bauamt damals vermelden. Außerdem brauche die Stadt Stolpen, zu der Lauterbach verwaltungstechnisch gehört, eine „externe Ausgleichsfläche“ für ein neu zu errichtendes Wohngebiet. Also her mit den Fördermitteln in Höhe von 14.800 Euro, dazu noch reichlich 40.000 Euro für Erwerb (lediglich 6000.-) und Abriß, und fertig ist die – Wiese. Hätte man nicht mit den hierfür ausgegebenen 55.000 Euro, sämtlich öffentliche Gelder, das traditionsreiche Haus auf Vordermann bringen und damit vielleicht eine junge, kinderreiche Familie unterstützen können? Vor allem aber wäre dem Dorf seine letzte historische Mühle erhalten geblieben. Das traurige Szenario wiederholte sich eben, nur einen Kilometer entfernt, vis-a-vis der berühmten „Ostersäule“, wo ein jahrelang leerstehendes Fachwerkhaus ebenfalls dem Stolpener Hunger nach Ausgleichsflächen und Beschlüssen der verantwortlichen Politiker zum Opfer fiel.

Sicher gab es für die geschilderten Vorgänge auch die nötigen Parlaments- und Verwaltungsbeschlüsse, dazu Einwohnerversammlungen, Anhörungen usw., waren alle Beteiligten gehalten, bestehende Gesetze zu beachten. Doch was sind Gesetze wert, die begünstigen, daß historische Bauwerke, noch dazu ortsbildprägende, abgerissen werden, um – Wiesen als Voraussetzung für - Neubauten zu schaffen? Austauschbare moderne Häuser, nicht selten beliebig und gesichtslos, oder steril anmutende Plätze, die zwar dem „demographischen Wandel“, biederem Ordnungssinn und einem Bedürfnis nach Bequemlichkeit entsprechen, doch nur Fremdkörper in einem gewachsenen Umfeld bleiben. Natürlich läßt sich nicht jedes historische Haus erhalten. Doch sollte nichts unversucht bleiben, denn der Verlust wird oft erst bemerkt, wenn die Würfel gefallen sind. Manchmal aber auch in letzter Stunde, wie zwei weitere Beispiele deutlich machen.

So gibt es neue Hoffnung in Rennersdorf-Neudörfel, ebenfalls ein Stolpener Ortsteil, der mit dem alten Kammergut ohnehin als Sorgenkind auf der Denkmalliste der Burgstadt verzeichnet ist. Hier aber geht es um dem Traditionsgasthof Müller, der längst sein Pforten schließen mußte. 2014 hatte der Stolpener Stadtrat den Ankauf beschlossen, 2015 den Abriß. Als aber kürzlich im gleichen Gremium ein Vortrag über LEADER, ein EU-Förderprogramm für den ländlichen Raum, zu hören war, wurden die Rennersdorfer hellhörig. Vielleicht kann die Wiedernutzbarmachung des Gasthofs mit Fördermitteln vorangebracht werden? Dazu müßte Stolpen allerdings gleichfalls erforderliche Eigenmittel in den Haushaltsplan aufnehmen. Eine Chance, immerhin.

Ein wirklicher Lichtblick ist dagegen die Rettung der Zittauer Mandaukaserne im ostsächsischen Landkreis Görlitz. Noch Ende 2015 war ein Abriss des denkmalgeschützten Monumentalbaus geplant, dann führten Bürgerproteste und beherzte Fürsprecher zu einem Sinneswandel. Unter Federführung des Stadtforums Zittau wurde der einsturzgefährdete Südturm saniert, erfolgte in Absprache mit dem Amt für Denkmalpflege die Notsicherung des Nordflügels. Neue Pläne entstanden. Im März 2017 verkündete Bundesbauministerin Hendricks (SPD), dass das geplante „Mandau-Forum“ als „Nationales Projekt des Städtebaus“ anerkannt und mit vier Millionen Euro Förderung zu rechnen sei. Augenblicklich geht es um die Suche nach der richtigen Konzeption für ein Projekt in zweistelliger Millionenhöhe. Wie auch immer die Lösung aussehen mag: einen Abriß von Zittaus größtem Gebäude, welches das Stadtzentrum mit der Südvorstadt verbindet, wird es nicht mehr geben.

Die Erfahrung zeigt, daß der Fortbestand von Baudenkmalen durch formalen Denkmalschutz allein keineswegs gesichert ist, vielmehr ökonomische Zwänge, politischer Opportunismus oder fehlendes Verständnis der Verantwortlichen auch permanente Gefährdung einschließt. Überläßt man vorgeblich hoffnungslose Bauwerke, die eben keinerlei wirschaftliche Verwertung erwarten lassen, dem Selbstlauf bürokratischer Abläufe, sind Verluste nicht auszuschließen. Hingegen können dort, wo sich Bürger vor Ort ambitioniert einbringen, neue Wege gesucht und durchaus erfolgreich beschritten werden. Die Inanspruchnahme von Fördermitteln ist dabei für chronisch klamme Kommunen gewiß verlockend, schafft aber nur kurzfristig Entlastung und mitunter fragwürdige Investitionen, die den Verlust eines über Generationen gehüteten Denkmals keineswegs aufwiegen. Einen Versuch ist es allemal wert.

Die Zittauer Mandaukaserne (2014) | Quelle: Bert Wawrzinek
Die Zittauer Mandaukaserne (2014)
Quelle: Bert Wawrzinek

 

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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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