Login

sachsen-depesche.de

Freigegeben in Kunst & Kultur

Aus der Landeshauptstadt

Die Kaditzer Linde in Dresden

Dienstag, 09 Januar 2018 19:07 geschrieben von 
Die große Linde zu Kaditz  Lithographie von C. W. Arldt nach J. Fleischmann (1839) Die große Linde zu Kaditz Lithographie von C. W. Arldt nach J. Fleischmann (1839) Quelle: Archiv Bert Wawrzinek

Dresden – 1000 Jahre alt soll er sein, Dresdens ältester Baum auf dem Kirchhof von Kaditz, einem ehemaligen Bauerndorf im Nordwesten der Stadt. Das deutsche Baumarchiv zählt die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) von 20 Metern Höhe und noch etwa 10 Metern Stammumfang zu den national bedeutsamen Bäumen (NBB). Im Mittelalter soll ihr Stamm auch als Gemeindepranger gedient haben. Noch bis ins 18. Jahrhundert waren Delinquenten, an ein Halseisen gekettet, hier der Verachtung vorbeiziehender Gottesdienstbesucher ausgesetzt. Die außergewöhnliche Gestalt des Baumes, der als eine der mächtigsten Linden Deutschlands galt, beeindruckte auch Goethe, der Kaditz bei seinem letzten Dresden-Aufenthalt besucht hat.

War die Linde in vorchristlicher Zeit schon Teil einer heidnischen Kultstätte? Oder haben die Bewohner des sorbisch geprägten Dorfes den Baum bei der Errichtung der ursprünglichen, dem heiligen Laurentius geweihten Kapelle (1273 erwähnt) gepflanzt? Jedenfalls hat der - einst selbst auf einem Feuerrost zu Tode gequälte - Schutzheilige der Feuerwehrleute nicht verhindern können, daß die Hussiten 1430 jene benachbarte Kapelle in Brand steckten. Der Baum aber blieb nahezu unversehrt. Nicht anders während des Dreißigjährigen Krieges (1637), als das Gotteshaus erneut in Flammen stand, ebenso 1802, beim Brand des angrenzenden Pfarrgebäudes. Doch 1818, als im Dorf 18 Bauerngüter, 30 Scheunen und das Pfarrhaus loderten, wurde die Linde so stark verwundet, daß Teile ihres Stammes abstarben und eine Öffnung ausbildeten. Der Baum aber, welcher ein Überspringen des Feuers auf die Kirche verhindert hatte, blieb erhalten.

Der Kantor Johann Gottfried Ziller berichtet 1823, daß das Innere der Höhlung sich allmählich mit neuer Rinde überziehe und neues Leben nach und nach den Stamm erfüllt. Dies Wachstum werde „wahrscheinlich durch die umliegenden Leichen genährt“*, mutmaßte man damals mit Blick auf die benachbarten Grabanlagen. Die Linde erholte sich und fand mit den Jahren zu einer neuen, bizarr anmutende Gestalt. „Man kann ihr Inneres leicht besteigen, es können darin mehre Personen sich bequem aufhalten, selbst in die hohlen Aeste können Knaben kriechen, um sich aus ihren Löchern umzusehen“*, notierte ein Zeitgenosse 1839. Während der Hohlraum weiter wuchs, bildeten sich zur Kräftigung der Standfestigkeit Wurzeln zu Sekundärstämmen um; ein Phänomen, das die Linde zum Ziel von Exkursionen machte, ihre Popularität weiter erhöhte und auch Maler und Zeichner inspirierte.

Schon Johann Christian Klengel (1751-1824) hatte 1782 die Linde nebst Gräbern und Kirche in einem Kupferstich festgehalten. Zahlreiche Ansichten und Gemälde weiterer Künstler folgten. Weit über die sächsischen Grenzen hinaus wurde in Zeitschriften wie der „Gartenlaube“ von der Kaditzer Riesenlinde und ihren merkwürdigen Schicksalen berichtet. Als das Dorf 1903 nach Dresden eingemeindet war, warben Postkarten mit dem Baum als „Großstadt-Idyll“. Die Linde aber trotzte weiter guten wie schlechten Zeiten und erlebte mit den Kaditzern zwei Kriege und manchen Neubeginn. Eine romantische Funktion erfüllte der Baum um das Jahr 1970, als der damalige Pfarrer Karl-Heinz Scharf frisch vermählte Paare in einem Ritual durch den geteilten Stamm der Linde steigen ließ. Mit 30 weiteren Bäumen wurde diese schließlich 1985 zum Naturdenkmal erklärt. Eine neue Kronenverspannung für 16.000 DM gab es nach der deutschen Wiedervereinigung (1996).

Beim Jahrhunderhochwasser 2002 war das elbnahe Kaditz vollständig von den Fluten umschlossen. Die historische Hochwassersäule unweit des wohlerhaltenen Dorfkerns Alkaditz zeigt mit 9.40 Metern den damaligen Wasserstand. Doch während der Gottesacker überschwemmt wurde, stoppte das Wasser an der Kirchenschwelle – und am Fuße jener Linde, dem in alter Zeit von Germanen wie Sorben gleichermaßen verehrten, heiligen Baum. Auch wenn das Heilige heute fast aus unserem Leben verschwunden ist, und auf unkalkulierbar gewordene Zeitläufte kaum mehr Verlaß scheint, dann steht doch fest, daß immerhin der hölzerne Methusalem zu Kaditz die Dresdner bald schon mit frischem Grün aufs Neue zu verzaubern weiß. Wie jedes Frühjahr, seit stolzen 1000 Jahren!

*Saxonia. Museum für sächsische Vaterlandskunde. Vierter Band. Dresden 1839

Artikel bewerten
(43 Stimmen)
Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten

TEAM