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Aus dem Stolpener Land

Die Lauterbacher Ostersäule

Freitag, 14 April 2017 03:17 geschrieben von 
Die Ostersäule in Lauterbach Die Ostersäule in Lauterbach Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden – Am westlichen Ortsausgang des Dorfes Lauterbach bei Stolpen steht die sogenannte Ostersäule. Die quadratische Sandsteinsäule ist 2,50 Meter hoch und trägt einen würfelförmigen Aufsatz mit vier spitzen Giebelseiten, darin Christus am Kreuz und die Inschrift:

„1584 JAR / DAS IST WAR / ZVENE OSTERN / IN EINEN JAR“

Im Ursprung handelt es sich um eine jener Betsäulen, wie sie im mittelalterlichen Deutschland in großer Zahl zu finden waren. Obschon die meisten dieser ehrwürdigen Andachtsstätten der Zeit und dem Eifer reformatorischer Bilderstürmer zum Opfer fielen, können wir gerade in unserer Nachbarschaft, in den von katholischen Sorben bewohnten Teilen der Oberlausitz, nicht wenige dieser schönen Zeugnisse alter Volksfrömmigkeit in neuem Glanz bewundern.

Idee und Funktion dieser Bet- oder Martersäulen – die an die Martern Jesu Christi am Kreuz erinnern – war es, Menschen die Zwiesprache mit Gott zu ermöglichen, ihnen einen Ort zu geben, um dessen Hilfe und Schutz erbitten zu können. Gründe dafür gab es in unruhigen Zeiten genug: Sorge um Verwandte, das eigene Seelenheil, Angst vor der Pest und anderen Krankheiten oder aber eine bevorstehende Reise. Betsäulen fanden sich so an Straßen und Wegkreuzungen und auch die Lauterbacher Ostersäule steht an einer alten Handelsstraße, die einst von Pirna, Stolpen über Lauterbach, Bühlau, Großtrebnitz nach Bischofswerda führte. Was aber mag den Stolpner Amtsschösser Thomas Treuter im Jahr 1584 bewogen haben, o. g. Inschrift auf der Lauterbacher Betsäule anbringen zu lassen? An welche Denkwürdigkeit sollte die Nachwelt damit erinnert werden?

Um das Jahr 800 lag unsere Heimatregion östlich der Grenze des Fränkischen Reiches, deren Verlauf durch Elbe und Saale bestimmt war. Nach Abzug der germanischen Urbevölkerung waren hier heidnische Slawen – Milzener und Daleminzier – eingewandert. Im Krieg mit letzteren, ließ der deutsche König Heinrich I. 929 an der Elbe die Burg Misni (Meißen) errichten. 968 wurde die Mark Meißen als Verwaltungsbezirk gegründet. Die Militärverwaltung im eroberten Sorbenland stützte sich auf Burgen rechts der Elbe, Burgwarde übten die Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet aus. 1006 schenkte König Heinrich II. dem Meißner Bischof den Burward Göda und das dazugehörige Gebiet, zu dem auch die Flur des damals noch nicht existierenden Dorfes Lauterbach gehörte.

Im Rahmen der deutschen Ostsiedlung wurden Sachsen, Thüringer, Franken und Flamen auch in den obersächsischen Raum gerufen. Um 1150 gründeten 40 wagemutige fränkische Bauern mit ihren Familien das Waldhufendorf Lauterbach. 1517 begann die Reformation in Deutschland. Während Kursachsen die neue Religion 1539 annahm, wurden Stolpen und die umliegenden Dörfer erst 1559 durch einen Gebietstausch kursächsisch und evangelisch.

Im Jahr 1582 beschloss Papst Gregor eine Kalenderreform für die katholischen Länder, der nach ihm benannte Kalender ist noch heute gültig. Die Erde dreht sich bekanntlich innerhalb von 24 Stunden einmal um die eigene Achse und hat in 365 Tagen die Sonne umrundet. Einer im Jahreslauf entstehenden Differenz von 6 Stunden wegen, wird aller 4 Jahre ein Tag – der 29. Februar – eingeschoben (Schaltjahr). 1582 betrug diese Abweichung 10 Tage, die aus dem neuen Kalendarium herausgenommen werden mussten. Auf den 4. folgte nun der 15. Oktober, und so konnte es geschehen, dass ein Mensch in der Nacht vom 4. auf den 15. Oktober 1582 geboren wurde! In der benachbarten Oberlausitz, die katholisch war und zum Königreich Böhmen gehörte, wurde der neue Kalender 1584 eingeführt, nicht aber im kursächsischen Amt Stolpen, wo man weiterhin am Julianischen Kalender festhielt.

Betsäule auf einem Gemälde von P. Mohn (1877) | Quelle: Bert Wawrzinek
Betsäule auf einem Gemälde von P. Mohn (1877)
Quelle: Bert Wawrzinek

 

Nach einer alten Überlieferung soll der Protagonist des zweifachen Osterspektakels ein Lauterbacher Fuhrmann gewesen sein. Fuhrleute hielten den Kontakt der relativ abgeschiedenen dörflichen Gemeinschaft mit der Außenwelt aufrecht. Jener Fuhrmann mag also 1584 seine Verwandten in der Oberlausitz besucht haben, um gemeinsam das Osterfest zu feiern. Ostern, ein beweglicher Feiertag, fällt auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond, 1584 nach gregorianischem Kalender auf den 1. April. Nach Lauterbach zurückgekehrt, gab es dann am 19. April (julianischer Kalender) eine weitere Feier mit den Daheimgebliebenen. Dies muss die Menschen damals sehr bewegt haben, allein die steinerne Inschrift zeigt noch heute, welche Bedeutung man dieser Begebenheit zumaß.

300 Jahre später, 1884, wurde die Säule restauriert und dazu bis auf den Grund abgetragen. Doch statt erhoffter Münzen und Urkunden aus der Entstehungszeit fanden sich Asche und Scherben. Wenigstens hatte man nun die Gelegenheit, selbst ein Glas mit Geldstücken und Papieren jener Zeit im Säulenkopf zu vermauern. Vor wenigen Jahren bekam der Platz um die Säule ein schmuckes Pflaster und eine neue Gründung. Darüber gingen die historischen Lindenbäume kaputt, sie seien schon immer krankgewesen, hieß es. Dies aber wird bald kaum noch jemanden beschäftigen, wohl aber die Inschrift jener steinernen Säule, die den Vorübergehenden noch lange Zeit an die zweifache Osterfeier im Jahre 1584 erinnern wird.

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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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