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Nordsachsen

Die letzten Tage des Roten Vorwerks in Oschatz

Donnerstag, 23 November 2017 04:18 geschrieben von 
Aua! Denkmalabriß in Oschatz Aua! Denkmalabriß in Oschatz Quelle: Dirk Hunger

Oschatz – Zuletzt ging alles ganz schnell: Am 26. Oktober 2017 hatte Sachsen Depesche auf den bevorstehenden Abriss aufmerksam gemacht (https://www.sachsen-depesche.de/kultur/denkmalalarm-in-oschatz.html). Zwei Tage später startete die Facebookseite https://www.facebook.com/rotesvorwerk/ der Oschatzer Abrissgegner, gefolgt von einer Online-Petition des Vogtshaus Oschatz e. V. am 6. November (https://www.openpetition.de/petition/online/kein-abriss-des-baudenkmals-rotes-vorwerk-in-oschatz). Wenig später (12.11) versammelten sich ein Dutzend Vorwerks-Unterstützer zu einer Mahnwache für den Erhalt am umstrittenen Ort.

Während bei Denkmalfreunden neue Hoffnung aufkam, die Oschatzer ihre FB-Präsentation mit Bild- und Filmschnipseln füllten, und erste Unterschriften aus allen Himmelsrichtungen zur Petition fanden, trafen am Mittwoch (15.11.) Vertreter der Eigentümer, der Oschatzer Wohnstätten GmbH, Abrissgegner und Oberbürgermeister Andreas Kretschmar (parteilos) am Roten Vorwerk nochmal aufeinander. Die Heimatfreunde übergaben ihrem OB einen Brief mit der Bitte, den Abriss zu stoppen. Die Erwartung sollte sich als trügerisch erweisen, denn eine Stunde später kamen die Herren der Lengenfelder Abbruch- und Recycling GmbH Dotzauer mit einem Bagger, rissen ungelenk ein Loch ins Dach und entfernten den sandsteinernen Türstock des Bauwerks. Ein unmißverständliches Signal.

Vielleicht ging es um vollendete Tatsachen, bevor die zaghaften Rettungsversuche Unentwegter doch noch eine lethargische Bürgerschaft in Bewegung bringen könnten? Tatsächlich haben sich die Denkmalretter in sehr überschaubarem Maße artikuliert. So hatte die Online-Petition ganze 116 Unterstützer, die FB-Seite in der genannten Zeit nicht mehr als 154 Likes auf sich vereinen können. Sicher gab es hinter den Kulissen noch manchen Sturm im Wasserglas, doch im Verhältnis zur selbstgestellten Aufgabe hat das Gebotene allenfalls Symbolwert. Es hätte anderer Kaliber bedurft, um die maschinenhafte Routine einer Stadtverwaltung zu beeindrucken oder die Oschatzer Wohnstätten als städtische Wohnungsgesellschaft, die mit etwa 1800 Wohnungen in der 15.000-Einwohner-Stadt einen Großteil aller Immobilien - und nicht wenig Einfluß auf die Stadtspitze haben dürften.

Als dann am Montag (20.11.), in der Mittagszeit ein Giebel des zerschlagenen Gebäudes auf Fußweg und Straße stürzte, wurde dies vor Ort als „Abriss-Panne“ reflektiert, hatte man doch ohne Absperrung abgebrochen. Das eigentliche Unglück freilich, der Verlust eines der ältesten Gebäude der Stadt, wurde gar nicht mehr thematisiert … Wenn sich die zuständigen Entscheidungsträger in der Sache auch nicht vor einem irdischen Gericht verantworten müssen, bleibt doch die Frage nach der Verantwortung vor der Geschichte, gegenüber dem kulturellen Erbe und späteren Generationen.

Vermutlich reichen die Ursprünge des kommunalen Gutes zurück ins 12. Jahrhundert, bis in die Entstehungszeit der Stadt. Und was hat das erstmals 1476 als Vorwerk erwähnte Anwesen nicht alles überstehen müssen: Hussitenstürme, die Pest, Stadtbrände, Kriege! Das Areal hat den Oschatzer Bürgern gedient, das Stadtsäckel gefüllt und später als Armenhaus und -schule, Frauenheim und Hospital Unterstützungsbedürftigen Obdach und Hilfe geboten. Hier haben Generationen in guten wie in in schlechten Tagen gelebt, geliebt und auch gelitten. Wieviele Oschatzer Kinder werden im Roten Vorwerk geboren worden sein? Nach 1895 zu Wohnzwecken umfunktioniert, hat der Bau bis 2004 den Zeiten getrotzt, danach kam der Dornröschenschlaf, aus dem es nun kein Erwachen mehr gibt.

Die Oschatzer Bilder tun weh, aber das müssen sie auch. Sie dokumentieren eine unwiderufliche Katastrophe mitten im Frieden, ein absurdes Zerstörungswerk, daß alle Oschatzer zu Verlierern macht. Die Stadt im Döllnitztal ist damit ärmer geworden - an Seele. Allein um einen Parkplatz zu bekommen, glaubte man, ein Bauwerk opfern zu müssen, dem auf der „Liste der Kulturdenkmale in Oschatz“ noch immer attestiert wird, „von ortshistorischer, sozial- und baugeschichtlicher Bedeutung“ (gewesen) zu sein. Schaudernd lösen wir den Blick von dem grausigen Geschehen, nicht ohne eine letztes Lebe wohl! für jenen traurigen Schutthaufen, der eben noch ein Haus und über Jahrhunderte Heimat der Oschatzer war.

Und das war das Rote Vorwerk: https://www.youtube.com/watch?v=_10e2pmir9s

Hauptsache weg? | Quelle: Dirk Hunger
Hauptsache weg?
Quelle: Dirk Hunger
Vollendete Tatsachen? | Quelle: Dirk Hunger
Vollendete Tatsachen?
Quelle: Dirk Hunger

 

Letzte Änderung am Donnerstag, 23 November 2017 21:12
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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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