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"Die Wiedergutmacher" - Raymond Unger im KulturHaus Loschwitz

Dienstag, 05 Februar 2019 23:12 geschrieben von  Susanne Dagen
Raymond Unger im KulturHaus Loschwitz Raymond Unger im KulturHaus Loschwitz Quelle: Susanne Dagen

Dresden – Noch bis in den Herbst 2015 verstand er sich als bekennender Linker, der Berliner Schriftsteller und bildende Künstler Raymond Unger. Zu Monatsbeginn war er in Dresden zu Gast, um im Rahmen der Veranstaltungsreihe "ZeitenBuch. Seitenweise Politik" im KulturHaus Loschwitz einem interessierten Publikum seine jüngste und vieldiskutierte Veröffentlichung vorzustellen: "Die Wiedergutmacher. Das Nachkriegstrauma und die Flüchtlingsdebatte".

Anhand eigenen Erlebens und langjähriger Beschäftigung mit den „Kriegsenkeln“, den Nachkommen der seelisch belasteten Kriegskinder, zeigt der 1963 geborene Autor, wie unsere heutige Politik von der Generation der sogenannten Babyboomer nachhaltig geprägt wird. Beispielhaft dafür stehen Protagonisten jener Altersgruppe, deren Eltern unter kriegstraumatisierten Müttern und Vätern groß geworden sind:

„Deutsche Babyboomer sind Kinder von Eltern, die ohne Väter aufwuchsen oder deren Väter körperlich oder seelisch so verwundet waren, dass sie ihren Kindern niemals nahe kommen konnten. Babyboomer sind Kinder von Kindern, die von kalten, verbitterten Müttern erzogen wurden, die alles verloren hatten, oftmals auch die Liebe zu ihrem eigenen Körper.“

Aufgrund emotionaler Verkümmerung ihrer Eltern habe es diese Generation gelernt, sich anzupassen und nicht aufzufallen. Das heiße auch: Konflikte zu scheuen, sich Meinungen lieber zu unterwerfen, vor allem, wenn diese mit entsprechender Autorität vorgetragen würden. Akribisch führt der ehemalige Psychotherapeut den Nachweis, dass Babyboomer einfach nicht erwachsen genug seien, um mit den angesprochenen Konflikten umgehen zu können.

„Moral vor Recht, Legende vor Wahrheit, Feminismus vor Maskulinität, Konformität vor Charakter, Gesinnung vor Verantwortung, Bekenntnis vor Handlung, Selbstverleugnung vor Selbstbehauptung, Gefühl vor Ratio, Feigheit vor Mut“.

Gerade in der sogenannten „Willkommenskultur“ der Bundesrepublik, die als neues deutsches Selbstwertgefühl inszeniert werde, sieht der Autor transtraumatische Mechanismen wirken. Gleichwohl bietet Ungers neues Buch Lösungsansätze, jene mit übertragenen Schuldgefühlen einhergehenden Traumata überwinden und eigene Identität entwickeln zu können.

 

Raymond Unger: Die Wiedergutmacher. Das Nachkriegstrauma und die Flüchtlingsdebatte.

Europa Verlag 2018, ISBN 978-3-95890-234-3, EUR 24,90

 

Susanne Dagen (*1972) führt seit 1995 mit Michael Bormann das renommierte Dresdner BuchHaus Loschwitz (Deutscher Buchhandlungspreis 2015 und 2016)

Und hier können Sie die Publikumsdiskussion mit Raymond Unger am 1. Februar 2019 nachsehen: https://www.youtube.com/watch?v=HrMb7EBg8RY&feature=youtu.be&fbclid=IwAR32luVGOyWoV0SKJBpWU36O2HEbw-WcEjwklPvdbyYbQLj3FI1Y5UA75jA

*In der „Bücherkiste“ finden Leser der SACHSEN DEPESCHE in loser Folge Rezensionen zu Titeln, in denen sich die Fragestellungen unserer Zeit in Kultur, Wissenschaft und Politik widerspiegeln. Neben neueren Veröffentlichungen sollen ebenso Bücher berücksichtigt sein, deren Inhalte zeitlose Gültigkeit beanspruchen.

Letzte Änderung am Donnerstag, 07 Februar 2019 17:42
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