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Dresdens Theodor-Körner-Denkmal in der Diskussion

Sonntag, 06 Mai 2018 14:37 geschrieben von 
Chauvinistischer Romantiker? Theodor Körner am Georgplatz Chauvinistischer Romantiker? Theodor Körner am Georgplatz Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden - Vorab: Ihr Körnerdenkmal wird den Dresdnern auch künftig erhalten bleiben. Wer angesichts des provokanten Mottos „Lobpreisung eines chauvinistischen Romantikers? Das Denkmal für Theodor Körner am Georgplatz“ Schlimmes befürchtet hatte, kann aufatmen. Auch wenn, im Zuge des geplanten Rathausneubaus am benachbarten Ferdinandplatz, die 1871 von Ernst Hähnel geschaffene Monumentalskulptur einen neuen Standort finden muß, ging es am 2. Mai im Neustädter Kügelgenhaus für zwei Stunden vielmehr darum, Blickwinkel aufzuzeigen und in offener Diskussion zu erörtern, in welchen Kontexten die Stadtgesellschaft künftig mit besagtem Denkmal umgehen sollte. Der örtliche Rahmen hätte nicht passender sein können: Im Barockhaus „Gottessegen“, dem berühmten früheren Wohnhaus des Malers Georg von Kügelgen, ist seit 1981 das Museum für Frühromantik eingerichtet, in dessen Ausstellung auch Uniformteile und Waffen aus dem persönlichem Besitz Theodor Körners zu bewundern sind.

Einleitende Worte kamen von Holger Hase, dessen Verein „Denk Mal Fort!“ in Kooperation mit dem Dresdner Geschichtsverein für die Regie verantwortlich zeichnete. Als Referenten agierten Dr. Justus H. Ulbricht (Dresdner Geschichtsverein), Dr. Gerhard Bauer (Militärhistorisches Museum der Bundeswehr), Lutz Reike (Museum der Dresdner Frühromantik) und Dr. Alexander Kästner (TU Dresden), der auch durch den Abend führte. „Unbequeme Denkmäler“ ist der Titel jener Diskussionsreihe, und zweifellos ist es ein Kennzeichen unserer Zeit, daß jeder Traditionsbestand auf seine Gegenwartstauglichkeit überprüft und kritisch hinterfragt wird. Warum dann nicht auch der temperamentvolle Dichtersoldat Theodor Körner und sein Dresdner Denkmal?

Im September 1791 in Dresden als Sohn von Christian Gottfried Körner, dem Schillerfreund und – förderer geboren, hatte der künstlerisch begabte junge Mann ein Studium an der Freiberger Bergakademie begonnen, erste Gedichte veröffentlicht und war als Student von Leipzig nach Wien gewechselt, wo ihm eine glanzvolle Karriere als Theaterdichter bevorstand. Seine Stelle am Wiener Burgtheater aber kündigte er im März 1813, um der Freiwilligentruppe des Majors von Lützow beizutreten, nachdem Preußen zum Kampf gegen Napoleon gerufen hatte. Das Lützower Freikorps wurde legendär, vor allem, weil es Männer und Frauen aus fast allen deutschen Ländern vereinte, darunter Friedrich Ludwig Jahn, Joseph von Eichendorff, Friedrich Fröbel und Eleonore Prochaska (August Renz).

Körner focht und dichtete also, wurde verwundet und fiel am 26. August 1813 im Gefecht bei Gadebusch. Seitdem galt der im Alter von 21 Jahren gestorbene Dichter durch alle Generationen hinweg als vaterländischer Held, der sein junges Leben der Freiheit geopfert hatte. Heute aber, so ließen die Veranstalter schon in ihrer Einladung wissen, spiele Körner „im aktuellen erinnerungskulturellen Kanon keine Rolle“ mehr, sei weder als „Nationalheld“ noch als „hervorragender Vertreter der Romantik“ im städtischen Bewußtsein präsent. Dementsprechend sprach Alexander Kästner auch dunkel von „höchst problematischen Anverwandlungen“, überdies sei, so Justus Ulbricht, „Heroismus nicht mehr in Mode“.

Kontrovers:  Körner-Diskussion im Kügelgenhaus | Quelle: Bert Wawrzinek
Kontrovers: Körner-Diskussion im Kügelgenhaus
Quelle: Bert Wawrzinek

 

Wie sich in der anschließenden Diskussion herausstellen sollte, fiel es dem zahlreich erschienenen Publikum schwer, dem ohne Widerspruch zu folgen. Zu stark waren die biographisch-kulturellen Bezüge, die viele der Anwesenden mit der volkstümlichen Person Theodor Körners verbinden. Und für manche Diskutanten mochte in der Ulbrichtschen Ermunterung „Natürlich darf der Staatsbürger alles sagen, aber ...“ , auch ein bedrohlicher Unterton mitschwingen, Motto: Sie können schon sagen, was Sie wollen (die Entscheidung aber obliegt doch den Fachleuten). Und hier zeigt sich auch ein Konstruktionsfehler, der als „offen“ postulierten Gesprächsform: Wie kann eine (ergebnis-) offene Diskussion erfolgen, wenn der erinnerungspolitische Rahmen – in unserem Fall ein stark „dekonstruiertes“ Körnerbild - bereits abgesteckt ist?

Daran ändert auch eine ambitionierte Referentenschar nichts, die sich elegant die Bälle zuspielt, aber wirkliche Kontroversen gar nicht vorsieht. Die Dresdner Bürgerschaft ist nicht das Personal des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, welches dem aktuellen Traditionserlaß aus dem Verteidigungsministerium strikt zu folgen hat. Wer bestimmt, wann ein Denkmal „unbequem“ ist? Sollte ein Geschichtsbild überhaupt „verordnet“ werden? Und sind nicht auch die Exponenten von Politik und Wissenschaft Kinder ihrer Zeit; wird nicht auch mancher, der heute dickleibige Bücher schreibt, übermorgen schon vergessen sein? Ist es nicht gerade eine totalitäre Versuchung, in Denkmälern nicht das Überzeitliche, vielmehr ein Mittel der Geschichtspolitik zu sehen, die irgendwann ganz anders aussehen könnte?

Letzte Änderung am Sonntag, 06 Mai 2018 17:36
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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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