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Schlösser und Herrenhäuser in Sachsen

Erinnerung an Schloß Döben bei Grimma

Freitag, 16 Februar 2018 02:04 geschrieben von 
Schloß Döben bei Grimma (1912) Schloß Döben bei Grimma (1912) Quelle: Archiv B. Wawrzinek

Dresden – Noch bis zum 2. März 2018 läuft die Jahresausstellung „Sächsische Landsitze“ des Landesamts für Denkmalpflege (LfD) im Dresdner Ständehaus am Schloßplatz (Sachsen Depesche berichtete: https://www.sachsen-depesche.de/kultur/sächsische-landsitze“-im-dresdner-ständehaus.html) Neben erhaltenen und sanierten Landsitzen werden auch Schlösser und Herrenhäuser dokumentiert, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört wurden. Eines jener traurigen Beispiele planmäßiger Vernichtung ist Schloß Döben bei Grimma in Westsachsen.

Nach der deutschen Eroberung im 10. Jahrhundert war das slawische Siedlungsgebiet durch eine Reihe Burgwarde entlang von Elbe und Mulde befestigt worden, wo die Döbener Burggrafen einen alten Muldenübergang sicherten. 1188 hat der Markgrafensohn Albrecht der Stolze hier seinen Vater Otto den Reichen gefangengehalten. Die reichsunmittelbare Burggrafschaft Dewin (Döben) ging noch vor 1286 an die Landesherrn über, Markgrafen aus dem Hause Wettin. Später entstand im Bereich der Burg ein Rittergut. Durch Einheirat in die Familie v. Arnim übernahm Anton v. Below 1783 schließlich den Besitz, womit das pommersche Geschlecht eine sächsische Nebenlinie begründete, deren Angehörige sich „v. Böhlau“ nannten und bis zur Enteignung das Rittergut Döben bewirtschafteten.

Die ursprüngliche Burg hatte sich zum Schloß gewandelt, das nach einem Großbrand (1857) durch Oberlandbaumeister Karl Moritz Haenel im Stil der Neorenaissance umgebaut worden war. Literarischer Schauplatz wurde Döben durch den Besuch des Japaners Ogai Mori (1862-1922), der als junger Militärarzt nach Deutschland kam, um hier Hygiene und Heeressanitätswesen zu studieren. Während eines Herbstmanövers der Sächsischen Armee nahm er 1885 auch bei den Böhlaus Quartier. Diese Begegnung - insbesondere mit den sechs Töchtern des Hausherrn – verarbeitet der berühmt gewordene Schriftsteller später in seiner Novelle „Fumizukai“- „Der Bote“. Seit 2007 erinnert eine Büste im Döbener Schloßgarten an den japanischen Dichter.

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges beschädigte US-Artillerie das herrschaftliche Anwesen schwer. Im Zuge der sogenannten Bodenreform wurde das Rittergut im Herbst 1945 entschädigungslos enteignet. Carl v. Böhlau, letzter Herr auf Döben, war noch im Juli 1945 im Alter von 80 Jahren gestorben, seine Frau Anna mußte das Schloß verlassen und starb im November 1946. Da beider einziger Sohn Carl Otto 1944 als Soldat in Polen gefallen war, erlosch die Belowsche Seitenlinie der Böhlaus auf Döben im Mannesstamm. Der Erbanspruch aber ging über die Tochter Else von Böhlau an ihren Neffen Carl Otto von Hoenning o`Caroll über. Was aber gab es hier noch zu erben?

Nach Kriegsende zur Unterkunft für heimatvertriebene Flüchtlinge geworden, erlebte das Schloß mehrere Plünderungswellen. Selbst Schulkinder karrten die neuen Machthaber heran, um die Seidentapeten der verhaßten „Junker“ von den Wänden zu reißen! Die landwirtschaftlichen Flächen wurden aufgeteilt und an Neubauern vergeben. Jene bedienten sich ungehindert der Baumaterialien von Schloß und Wirtschaftsgebäuden, das Areal verfiel. Trotz Protesten der Denkmalpflege kam es „aus Sicherheitsgründen“ zu Sprengungen, zuletzt 1972. Auf einem erhaltenen Filmdokument soll der Sprengmeister stolz mit zum Gruß erhobener Faust auf dem Trümmern seines Zerstörungswerkes posiert haben. Während diese auf dem Gelände herumlagen, in Burggräben verkippt (worauf Schweineställe entstanden) oder abtransportiert wurden, geriet der Park zum Kartoffelacker und ein barocker Pavillon zur Gartenlaube des damaligen LPG-Vorsitzenden …

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung wurde das Unrecht im Einigungsvertrag von 1990 fortgeschrieben, der keine Rückgabe des zwischen 1945 und 1949 enteigneten Besitzes an die betroffenen Familien vorsah. Also kauften Karl Friedrich v. Below, ein Verwandter der früheren Besitzer, den Schloßhof Döben für 330 000 DM von der bundeseigenen Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH zurück, zogen dessen Sohn, der Augenarzt Dr. Hubertus v. Below mit seiner zukünftigen Frau Dorothea 1993 von Kiel nach Westsachsen. In der Döbener Kirche wurde das Paar getraut. Unterstützt vom Freundeskreis Dorf und Schloss Döben e. V. versucht die Familie seitdem erfolgreich, das Schloßareal mit neuem Leben zu erfüllen.

2002 begann der rührige Verein, mit Sprengschutt verfüllte Wasserbassins im Park freizulegen und die Schloßbrücke nach historischem Vorbild zu rekonstruieren. Die notgesicherte Alte Brauerei indes wurde 2004 ein Raub der Flammen, Indizien lassen Brandstiftung vermuten. Inzwischen haben die Belows mehr als 4,3 Millionen Euro investiert, 10 Prozent davon staatliche Fördermittel. Aus einem öden Platz ist wieder eine Stätte der Kultur geworden. Im wiederaufgebauten Brauereigebäude finden Konzerte und Kabarettabende statt. Seit 1995 kamen im Sommer Schülergruppen nach Döben, um gemeinsam mit Denkmalschützern Mauern und Burggräben freizulegen. Drei Söhne und eine Tochter der Eheleute v. Below sind hier ihre ersten Schritte ins Leben gegangen, beschirmt von alten Bäumen des Schloßparks, in deren Schatten einst schon ihre sächsischen Ahnen wandelten ….

 

Weitere Informationen:

http://www.schlosshof-doeben.de/geschichte/
http://www.doeben.de/sd4_1.html

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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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