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Erinnerung an die verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkriegs

Europäisches Mahnzeichen: Vor 100 Jahren begann die Schlacht an der Somme

Freitag, 01 Juli 2016 20:41 geschrieben von 
Erschöpfte britische Soldaten der Schlacht an der Somme, November 1916 Erschöpfte britische Soldaten der Schlacht an der Somme, November 1916

Dresden – Heute vor 100 Jahren begann die Schlacht an der Somme, eine der größten Schlachten an der Westfront und – mit über einer Million gefallener, verwundeter und vermisster Soldaten auf allen Seiten – die verlustreichste des Ersten Weltkriegs. Bei den Briten ist die Somme-Schlacht bis heute tief im kollektiven Gedächtnis verankert – so wie die Schlacht um Verdun, die am 21. Februar 1916 begann und am 19. Dezember 1916 ohne wesentliche Verschiebung des Frontverlaufs endete, bei den Deutschen und Franzosen.

Der britische Schlachtplan sah vor, durch massiven Artilleriebeschuss der deutschen Linien eine Todeszone herbeizuführen, die die Soldaten dann mit dem „Spazierstock“ überqueren könnten, da dort nach den Annahmen des britischen Generalstabs kein Mensch mehr leben würde. Stattdessen erlebten die Briten beim Sturm auf die deutschen Stellungen den blutigsten Tag ihrer Kriegsgeschichte und hatten schon am 1. Juli 1916 rund 20.000 Gefallene und 40.000 Verwundete zu beklagen.

In seinem „Kriegstagebuch“ notierte der Jahrhundertschriftsteller Ernst Jünger nach seinem Eintreffen in den Bereitstellungsräumen an der Somme: „Ein Mann von vorn holte uns, um uns den Weg zu unserem Nachtquartier zu zeigen. Er erzählte unangenehme Dinge. Diese Sommeschlacht scheint eine Ausgeburt des Wahnsinns zu sein. Er erzählte von Aufenthalt in Löchern ohne Verbindung und Annäherungsgraben, vom furchtbaren Art(illerie)-Feuer, von unaufhörlichen Angriffen, vom gegenseitigen Abschlachten gefangener Gegner, von Durst, von Leichengestank, vom Verkommen der Verwundeten und anderes mehr.“

In seinen „Stahlgewittern“ hieß es dann: „Es war der erste deutsche Soldat, den ich im Stahlhelm sah, und er erschien mir sogleich als der Bewohner einer fremden und härteren Welt. Neben ihm im Straßengraben sitzend, fragte ich ihn begierig nach den Verhältnissen in Stellung aus und vernahm eine eintönige Erzählung von tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne Verbindung und Annäherungswege, von unaufhörlichen Angriffen, von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst, vom Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das vom stählernen Helmrand umrahmte unbewegliche Gesicht und die eintönige, vom Lärm der Front begleitete Stimme machten einen gespenstischen Eindruck auf uns. Wenige Tage hatten diesem Boten, der uns in das Reich der Flammen geleiten sollte, einen Stempel aufgeprägt, der ihn auf eine unaussprechliche Weise von uns zu unterscheiden schien. `Wer fällt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand weiß, ob er lebend zurückkommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie nicht. Jeder weiß, dass es auf Leben und Tod geht. Nichts war in dieser Stimme zurückgeblieben als ein großer Gleichmut; sie war vom Feuer ausgeglüht.“

Die Materialschlacht an der Somme endete am 18. November 1916 mit einer britischen Schlussoffensive, führte aber nicht zu der von der Generalität der Briten erhofften völligen Zermürbung des deutschen Heeres. Allerdings kamen auf Seiten der deutschen Führung und Truppe erstmals Zweifel am siegreichen Ausgang des Krieges auf. Die deutsche Front wurde an der Somme zwar um mehrere Kilometer eingedrückt, allerdings konnten die Alliierten das von ihnen eroberte Gebiet nicht als Ausgangspunkt für weitere Offensiven nutzen.

Die Schrecken der Somme-Schlacht waren unermesslich. Sie ist Mahnzeichen für alle europäischen Völker, sich nie wieder in (selbst-)mörderische Konflikte treiben zu lassen. Dass solche Kriege in Europa mittlerweile unvorstellbar sind, ist zweifelsohne das Verdienst der europäischen Einigung. Auch wenn es berechtigte Kritik an Brüssel geben mag und auch wenn über die EU in ihrer heutigen Form vielleicht noch nicht das letzte Wort gesprochen ist – an der grundsätzlichen Notwendigkeit einer Zusammenarbeit der Völker und Staaten Europas darf es keinen Zweifel geben.

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Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.sachsen-depesche.de/show/author/55-michael-krug.html
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