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Gastbeitrag

Ferdinand von Schill (1776-1809) – Rebell für Volk und Krone

Donnerstag, 08 November 2018 10:18 geschrieben von  Thomas Ritter
Ferdinand von Schill. Porträt von Ludwig Buchhorn (1809) Ferdinand von Schill. Porträt von Ludwig Buchhorn (1809) Quelle: Archiv B. Wawrzinek

Dresden – Am 6. Januar 1776 im sächsischen Wilmsdorf als Sohn eines Kavallerieoffiziers geboren, trat Ferdinand Baptista Freiherr von Schill mit 14 Jahren in das preußische Dragoner-Regiment Ansbach-Bayreuth in Pasewalk ein. Als Leutnant zog er 1806 gegen Frankreich in den Krieg, wurde bei Auerstedt verwundet und konnte sich über Magdeburg und Stettin nach Kolberg durchschlagen. Anstatt aber weiter mit einer kleinen Reitertruppe dessen Umfeld zu erkunden und Waffen wie Vorräte in die Festung zu bringen, begann Schill in Pommern einen Kleinkrieg gegen die napoleonischen Truppen. Die Eroberung von Gülzow im Dezember 1806 machte ihn schlagartig populär. Vom preußischen König zum Oberleutnant befördert und mit dem Pour le Mérite ausgezeichnet, ignorierte der selbstbewußte Offizier bald den Befehl, zu seinem Regiment nach Ostpreußen zurückzukehren. Schills Truppe aber wuchs weiter und mit ihr der Ruhm seines Namens. Am 12. Januar 1807 wurde Schill von König Friedrich Wilhelm III. beauftragt, aus ehemaligen preußischen Kriegsgefangenen ein Freikorps aufzustellen.

Von Kolberg nach Stralsund

Binnen kurzem verfügte die Einheit über 12 Offiziere, 125 Unteroffiziere und 1400 Mann sowie eine Batterie 4-Pfünder-Kavallerie-Geschütze. Einer der Schwadronsführer war Adolf von Lützow. Von der Bevölkerung nach Kräften unterstützt, gelangen tollkühne Unternehmungen, bewährte sich das Freikorps in wechselvollen Kämpfen. Eine realistische Einschätzung des charismatischen Draufgängers gibt Festungskommandant Neidhardt von Gneisenau in einem Schreiben vom Juli 1807: „Übrigens ist Schill äußerst brav, nur glaube ich nimmermehr, das er die Talente des Anführers eines großen Korps habe. Sein Ideengang ist springend, ohne irgend etwas zu ergründen. Bei der Lebhaftigkeit seines Charakters wirken andere auf ihn ein, benutzen ihn als Ihr Werkzeug ... Er wird, unter einen General von Einsicht und Charakterstärke gestellt, als Parteigänger schöne Dinge verrichten und der Ruf seines Namens viele Kombattanten um ihn her versammeln.“

Zum Major befördert, ist Schill im September 1807 Inhaber des aus seiner Reiterei gebildeten 2. Brandenburgischen Husarenregiments („von Schill“), während die Infanterie als „Leichtes Bataillon von Schill“,in die Armee übernommen wurde. Am 10. Dezember 1808 rückt der Sachse - von der Bevölkerung jubelnd begrüßt - an der Spitze aller Truppen in Berlin ein. Die Begeisterung und der erwachende Patriotismus des Volkes, nicht zuletzt sein Hang zur Selbstüberschätzung, treiben Schill voran. In den für das folgende Jahr vorgesehenen Aufständen war ihm und seinem Korps eine wichtige Rolle zugedacht. Schill aber wollte nicht länger warten und faßte den Entschluß, mit einem kühnen Unternehmen Preußen zum Krieg gegen Napoleon zu bewegen. Im Morgengrauen des 28. April 1809 verläßt sein Regiment die Berliner Garnison, vorgeblich zum Manöver, doch ohne Wissen des Königs ...

Außerhalb der Stadt hält Schill den Soldaten eine Ansprache, erweckt den Eindruck, in höherem Auftrag zu handeln. Den Rückkehrbefehl ignoriert er, besetzt Dessau, läßt seinen Aufruf „An die Deutschen“ drucken ("Der Augenblick ist erschienen, wo Ihr die Fesseln abwerfen und eine Verfassung wiedererhalten könnt, unter welcher Ihr seit Jahrhunderten glücklich lebtet …"). Über Halle und Bernburg geht es Richtung Magdeburg und bei Dodendorf erleiden die Franzosen ein verlustreiches Gefecht. Nun aber läßt Jérôme Bonaparte, Bruder Napoleons und König von Westphalen, dem Satellitenstaat im Nordwesten Deutschlands, einen Preis von 10 000 Francs auf den Kopf des Rebellenführers aussetzen und auch der König von Preußen erklärte sich öffentlich gegen dessen „unglaubliche That“.

Opfergang für die Freiheit

Damit aber bleibt der erhoffte Zuzug an Freiwilligen aus, Schill muß zurückweichen und marschiert auf Stralsund. Die Besatzung der Stadt rückt ihm entgegen, wird jedoch bei Damgarten vernichtend geschlagen. Am 25. Mai zieht das Korps in die Hansestadt. Eilig werden bereits geschliffene Festungswerke wiederhergestellt. Nach weiteren Aushebungen zählt die Truppe bis zu 3000 Mann. Allen Mahnungen zum Trotz ist Schill entschlossen, die Stadt zu halten. Doch schon sechs Tage später, am 31. Mai 1809,wird Stralsund von einer Übermacht vereinigter Holländer und Dänen erstürmt. Schills Kämpfer wehren sich verzweifelt, einigen gelingt die Flucht, wenige werden gefangen, die meisten fallen …

Schill stirbt, abseits und unbemerkt, in der Fährstraße, einen Schwerthieb in der Stirn, im Hinterkopf von einer Kugel getroffen. Napoleon übt grausame Rache. Dem Toten wurde das Haupt abgetrennt und als Trophäe an Jérome Bonaparte nach Kassel übersandt, der kopflose Leichnam aber an unbekannter Stelle auf dem Stralsunder St. Jürgen-Friedhof verscharrt (auf französischen Befehl "wie der eines Hundes" - ohne Sarg und Segen). Vier Jahre später wird sich König Friedrich Wilhelm III. in Breslau mit dem Aufruf „An mein Volk“ an seine Untertanen wenden, die Kriegserklärung Preußens an Frankreich erfolgen, bricht der Volksaufstand los, von dem Schill geträumt ...

An die 200 Schillschen Reiter und einige Jäger hatten die Einkesselung durchbrechen und die Bewilligung freien Abzugs nach Preußen erzwingen können, wo die Offiziere vor ein Kriegsgericht gestellt, zu Festungsstrafen oder Kassation verurteilt wurden. Eine andere Abteilung entkam von Rügen übers Meer nach Swinemünde. Der Rest des Korps wurde gefangengenommen und nach Frankreich auf die Galeeren geschickt. Elf gefangene Offiziere waren am 16. September 1809 per Eilverfahren nach Wesel verbracht und standrechtlich erschossen worden. Es sollte noch mehr als 25 Jahre dauern, ehe den Tapferen hier von der preußischen Armee ein Denkmal errichtet wurde. Den Desertionsprozeß gegen den gefallenen Major von Schill aber ließ der preußische König niedergeschlagen.

Ehre und Erinnerung

Schill galt im Volk bald als Symbolfigur des nationalen Befreiungskampfes. Seinem frühen Widerstand indes wurde erst offizielle Anerkennung zuteil, als der Sieg längst errungen und das unvereinigt gebliebene Deutschland sich, in der Lethargie einer nach dem Wiener Kongress einsetzenden Restauration, an vergangenen Heldentaten zu stärken suchte. 1835 wurde auf dem Friedhof von Wesel ein Denkmal über dem Grab der Schillschen Offiziere nach dem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel errichtet. Das Relief zeigt - vor einem Opfertisch mit Richtbeil und Preußenadler - die trauernde Borussia und Siegesgöttin Viktoria. Darunter die Namen der füsilierten Offiziere, auf der Rückseite die Worte: "Sie starben als Preußen und Helden am 16. September 1809".

Der präparierte Kopf des toten Schill war nach Napoleons Niederlage nach Leiden gelangt um einen Platz in der Naturaliensammlung des holländischen Professors Brugmann zu finden. Im Jahr 1837 zurückgegeben, wurde er feierlich im Grab der namenlosen 14 Schillschen Soldaten bestattet, die in Stralsund gefangen und in Braunschweig erschossen worden waren. So ruht das Haupt des Kommandeurs bei seinen Soldaten, während des einsamen Leibes in Stralsund erst 1859 mit einer bescheidenen Feier zum 50. Todestag und nachträglichem kirchlichen Segen gedacht werden konnte.

Das offizielle Preußen aber hatte den Mann fast vergessen, der einst aufgestanden war, um die allgemeine Erhebung gegen Frankreich zu entfachen. Erst 80 Jahre später verlieh Kaiser Wilhelm II. dem 1. schlesischen Husarenregiment Nr. 4 den Beinamen "von Schill", was den Makel des Hochverrates endlich tilgte. Ein bronzenes Denkmal in den Stralsunder Schillanlagen und eine Gedenktafel am Todesort in der Fährstraße erinnern noch immer an den Rebellen aus Wilmsdorf bei Dresden. Auf dem St.-Jürgen-Friedhof aber trägt eine Grabplatte die Worte Vergils:

„Großes gewollt zu haben ist groß. Er sank hin durch das Schicksal. Am Gestade liegt der mächtige Rumpf. Ward entrafft auch das Haupt, ist doch der Körper nicht namenlos.“

THOMAS RITTER wurde 1968 im sächsischen Freital geboren, studierte Rechtswissenschaften und Geschichte an der Technischen Universität Dresden und lebt heute in der sächsischen Landeshauptstadt. Er ist Verfasser zahlreiche Bücher und Anthologien sowie Mitarbeiter von grenzwissenschaftlichen und historischen Periodica. Seit mehr als 20 Jahren veranstaltet der „Thomas Ritter Reiseservice“ Kleingruppenreisen zu rätselhaften Orten und Mysterien in Asien, dem Orient, Europa und Mittelamerika. Weitere Informationen unter www.Thomas-Ritter-Reisen.de

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