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Eine romantische Sage aus alter Zeit

Genoveva von Brabant

Mittwoch, 31 Januar 2018 01:58 geschrieben von 
Genoveva (Holzschnitt von Ludwig Richter, 1858) Genoveva (Holzschnitt von Ludwig Richter, 1858) Quelle: Archiv Bert Wawrzinek

Dresden – Um das Jahr 730 soll sie geboren sein, die sagenhafte Genoveva, Tochter eines Herzogs von Brabant und spätere Pfalzgräfin am Rhein. Niedergeschrieben wurde die mündliche Überlieferung erstmals im 14. Jahrhundert, im Kloster Maria Laach. 1810 von Christoph von Schmid zu einer Erzählung verarbeitet, wurde der Stoff rasch populär, fand Eingang in Gustav Schwabs „Deutsche Volksbücher“, inspirierte zu Dramen (Ludwig Tieck, Friedrich Hebbel), Oper (Robert Schumann) und Operette (Jaques Offenbach). Auch in unserer Zeit befassen sich Hörbücher und ein Musical mit der romantischen Geschichte von edlen Rittern, Verrat und Treue, einer frommen Gräfin und ihres Sohnes wunderbarer Errettung.

„In seligster Eintracht“* lebten einst Pfalzgraf Siegfried und seine Gemahlin Genoveva in der Siegfriedsburg zwischen Rhein und Mosel. Zuvor hatte der tapfere Ritter dem Herzog von Brabant das Leben gerettet und dessen Tochter zur Frau bekommen. Doch wenig später waren die „Saracenen aus Spanien in Frankreich eingebrochen“, drohten „alles durch Feuer und Schwert zu verheeren“. Während Siegfried als königlicher Gefolgsmann mit Rittern und Knechten in den Krieg zog, nutzte sein Burgvogt und Verwalter Golo die Gelegenheit für die „schändlichsten Anträge“, die man einer „ehrliebenden Frau nur immer machen kann“. Ein Brief Genovevas, worin sie ihren Gemahl um Hilfe anflehte, konnte Golo abfangen, den der Gräfin verbundenen Boten aber erstach er.

Nun bezichtigte Golo die Gräfin des Ehebruchs mit dem Gemordeten und ließ sie in den Gefängnisturm werfen. In den Monaten der Haft wurde ihr ein Kind – Siegfrieds Sohn – geboren, das Genoveva unter Tränen dem Herrgott widmete und auf den Namen Schmerzenreich taufte. Golo kannte seinen Herrn, der „zwar sehr edelgesinnt“ aber von aufbrausender Wesensart war, weshalb seine verleumderische Botschaft an den Grafen verfing: Genoveva und ihr Söhnchen, das Siegfried nimmer als sein Kind anzuerkennen bereit war, sollten sterben. Doch der bestellte Scharfrichter hatte Erbarmen, führte die Unglücklichen in eine weitentfernte Wildnis, und Genoveva schwor einen Eid, niemals mehr zurückzukehren.

In einer Felsenhöhle fanden Mutter und Kind Unterschlupf. Wieder rief Genoveva nach Gottes Hilfe und schon stand eine Hirschkuh vor ihr, deren Milch beide ernährte. So lebte Genoveva als Einsiedlerin, Schmerzenreich aber wurde ein „wunderschönes Knäblein“. Der siebente Winter kam, die kranke Genoveva enthüllte ihrem Sohn beider Schicksal, segnete ihr Kind und glaubte, sterben zu müssen. Derweil hatte Graf Siegfried sein hartes Urteil längst bereut. Zur Rede gestellt, mußte Golo seine Missetat und Genovevas Unschuld offenbaren. Schwermut überfiel den Grafen und erst nach Jahren gelang es einmal, ihn zur gemeinsamen Jagd zu überreden. Als er ein Tier mit dem Wurfspieß verfehlte und ihm nachsetzte, stand er geradewegs vor – Genovevas Höhle.

Unter Tränen erkannte sich das Paar, indes Schmerzenreich hinzukam, barfuß und mit einem Rehfellchen um den bloßen Leib und doch „das lebendige Ebenbild“ des Vaters. Unter Glockengeläut bewegte sich der Zug heimwärts zur Siegfriedsburg, wo eine freudige Menschenmenge die totgeglaubte Gräfin empfing. Das Wunder aber wirkte fort: „„Genovevas Frömmigkeit, ihre Leiden, ihr Wort und Beispiel waren ein großer Segen für das ganze Land. Weit umher wurden die Menschen viel frömmer und besserten sich augenscheinlich (...)“ Der Graf aber hat auf Genovevas Bitte bei der Höhle eine Einsiedelei anlegen und eine Kapelle erbauen lassen. Viele kamen, das Refugium der vom Volk verehrten Genoveva zu sehen und ihre wundersame Geschichte zu hören ...

Auch ein sächsischer Meister volkstümlicher Romantik hat sich der Sage angenommen. 1841 schuf Ludwig Richter (1803-1884) eines seiner berühmtesten Bilder: „Genoveva in der Waldeinsamkeit“, dessen landschaftliches Vorbild er in einem Felsmassiv südlich von Freital im Rabenauer Grund suchte. Eine Radierung und Holzschnitte mit dem Genoveva-Motiv folgten. Die fromme Gräfin indes wurde niemals heiliggesprochen und dennoch in katholischen Landen als Heilige verehrt. Ihr Gedenktag ist der 2. April.

 

*Alle wörtlichen Zitate aus: Christoph von Schmid: Genoveva. Wesel o. J. (ca. 1900)

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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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