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Napoleons erster Besuch in der sächsischen Hauptstadt

Juli 1807: Dresden im Napoleonfieber

Sonntag, 02 Juli 2017 23:05 geschrieben von 
Illumination der Elbbrücke und des Schloßplatzes am 18. Juli 1807, Deckfarbenbild von Schelcher, aus: Dresdner Bilderchronik (1910) Illumination der Elbbrücke und des Schloßplatzes am 18. Juli 1807, Deckfarbenbild von Schelcher, aus: Dresdner Bilderchronik (1910) Quelle: Privatarchiv Bert Wawrzinek

Dresden – Elf Aufenthalte Napoleons verzeichnen die Dresdner Annalen für den Zeitraum 1807 – 1813. Der erste Besuch des französischen Kaisers im Juli 1807 war glanzvoll und von der Hoffnung der Sachsen auf eine friedliche und glückliche Zukunft an der Seite Frankreichs getragen. Die Malerin Dora Stock (1759-1832), eine Tante Theodor Körners, notierte: „Die Tage, die Napoleon hier verweilte, waren äußerst merkwürdig. Das Zuströmen der Massen aus allen Ständen, die hierherkamen, ihn zu sehen, worunter sehr viele waren, die berühmt und ausgezeichnet sind, das Leben und die Tätigkeit, die von früh bis auf den Abend auf den Straßen war, gab eine eigene fröhliche Stimmung, die schwer zu schildern ist.“(3)

Erst im Oktober 1806 war Kursachsen als Verbündeter Preußens in den Krieg gegen Frankreich eingetreten. Doch nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt hatte sich der siegreiche Napoleon in einem Aufruf den „Völkern Sachsens“ als „Befreier“ von preußischer Unterdrückung und Garant sächsischer Unabhängigkeit angeboten. Sachsen blieb keine Wahl (und als neuem Rheinbund-Bündnispartner die Plünderung erspart), wurde gar zum Königreich erhoben. Als Frankreich im Juli 1807 in Tilsit mit Preußen und Rußland Frieden schloß, war man auch an der Elbe erleichtert. Auf dem Rückweg von Ostpreußen reiste Napoleon über Dresden, dessen Einwohner ihm einen begeisterten Empfang bereiteten.

„Der Kaiser kommt!“

Während Vorbereitungen getroffen wurden und Neugierige aus allen Landesteilen in die Hauptstadt kamen, reiste König Friedrich August I. (1750-1827) seinem Gast entgegen. In Bautzen kam es am 17. Juli zu einer ersten persönlichen Begegnung beider Männer. Gemeinsam setzten sie die Fahrt nach Dresden fort, wo schon 11.00 Uhr drei Kanonenschüsse die „Annäherung der Allerhöchsten Ankunft“ (2) signalisierten. Geduldig harrten tausende Schaulustige beiderseits der Bautzner Straße, hatte sich eine Menschenmenge vom Schloßplatz über Brücke und Neustädter Allee (Hauptstraße) über das Schwarze Tor (heute Albertplatz) hinaus versammelt. Auf gleicher Strecke bildeten Leibgrenadiergarde und Infanterieregimenter Prinz Maximilian und von Rechten Spalier.

Als die Majestäten Loschwitz passierten, stiegen Raketen auf, begannen Glocken zu läuten. „Der Kaiser kommt“, hieß es nun allenthalben. Nach 17.00 Uhr war es soweit. An der Spitze sächsische Husaren und Dragoner, folgte auf Förster und Postbeamte zu Pferde der achtspännige Reisewagen des Kaisers. Unter dem Donner von Kanonen und begeisterten Hochrufen wurden Napoleon und Friedrich August von der Bevölkerung begrüßt. Nach einem Empfang durch die Königin, der Vorstellung von Ministern und Generälen, nahm der Kaiser in den Paradezimmern des Schlosses Quartier.

Am Sonnabend (18. Juli) besichtigte Napoleon die Festungswerke, das Kadettenhaus in der Neustadt, besuchte Gewehrgalerie und Gemäldesammlung im (späteren) Johanneum. In der Hofkirche wurde das Te Deum gesungen, ein Lobgesang, der traditionell bei der Begrüßung hoher Gäste aufgeführt wurde. Am Abend dann eine Illumination, die „prächtigsten Beleuchtungen, die Dresden bisher gesehen hatte“. (4) Während in den Bürgerhäusern Wachs- oder Talglichter in die Fenster kamen, waren öffentliche Gebäude aufwendig geschmückt worden, spiegelte sich in zahllosen Grußbotschaften die sächsische Volksseele in epischer Breite:

„Stifter des Friedens und Vater des Vaterlandes“

So hieß es am Ständehaus in der Pirnaischen Straße staatstragend: „Gaudeant Gallia et Saxonia pace Perenni“ (Frankreich und Sachsen mögen sich eines ewigen Friedens freuen), am Brühlschen Palais doppeldeutig: „Fulminat sed et protegit“ (Er schlägt, aber er beschützt auch). Während der Hofbuchdrucker Meinhold, Moritzstraße 759, diplomatisch formulierte: „Wir theilen unsre Herzen zwischen dem Stifter des Friedens und dem Vater des Vaterlandes“, tat es beim Senfhändler Gerner (Wilsdruffergasse 244) ein schlichter Reim:  „Wenig Nahrung giebt mir das Senffaß. Doch zur Beleuchtung gab ich gern etwas.“ Auch die Ratschaisenträger (städtische Sänftenträger) hatten ihr Quartier auf dem Altmarkt mit bunten Lampen illuminiert, Motto:  „Diesem großen Kaiser wünschen wir viel Glück zur Reise. Thut es ihm bei uns behagen, wollen wir nach Paris ihn tragen.“ (2)

Selbstredend war auch die Augustusbrücke Ort üppiger Dekoration. Oberhalb der Brückenbögen standen zu beiden Seiten 32 Sterne in Form des französischen Kreuzes der Ehrenlegion, deren jedes 76 Öllämpchen trug. Auf dem Schloßplatz hatten Oberlandbaumeister Hauptmann und Hofbaukondukteur Klinsky eine Ehrenpforte aus Arkaden und zwei Obelisken errichtet. Acht dorische Säulen trugen einen Architrav, auf dem ein halbrunder Ehrenbogen ruhte. Darüber, dem Schloss zugewandt, das französische Wappen in den Nationalfarben von einer stilisierten Sonne umstrahlt. 31 Ellen (17,56 Meter) hoch, schloss die Dekoration rechts und links des Georgentores mit den Obelisken ab. Indes machte ein Gewitterguss der leuchtenden Pracht schon gegen 22.00 Uhr ein Ende, der das Publikum in die Häuser trieb und den zweiten Besuchstag vorzeitig abschloss.

Weitere Ehrungen und Abschied

Am Sonntag (19. Juli) empfing Napoleon das Diplomatische Korps und besuchte mit dem König die Hofkirche. Nachmittags begaben sich die Majestäten mit großem Gefolge ins Japanische Palais, wo sich Napoleon ins Gästebuch der Bibliothek einschrieb. Am darauffolgenden Montag (20. Juli), stiftete König Friedrich August I. „zur Erinnerung an die Zeiten, wo die Vorsehung zu des Regenten und seiner Staaten Erhaltung so mächtig gewirkt hatte“ (4) den sächsischen Hausorden der Rautenkrone, dessen erster Ritter - Napoleon wurde. Nach einem festlichen Abendessen in Pillnitz besuchten die Monarchen das Dresdner Opernhaus, während der Vorstellung, „Zaira“ von Federici huldigten Künstler und Publikum dem französischen Kaiser.

Nachdem der Dienstag im Zeichen eines Jagdausfluges nach Moritzburg gestanden hatte, nahm Napoleon am Nachmittag des 22. Juli Abschied, um die Rückreise nach Paris anzutreten. Während König Friedrich August seinen Gast bis Meißen geleitete, begann im Opernhaus der Residenz „ein wirkliches Volksfest der guten Dresdner und vieler Fremden“ (2), wozu 3000 Freikarten ausgegeben worden waren. Um Mitternacht „waren acht Centner Wachs verschmolzen und jedermann begab sich nach Hause.“ (2)

Weiß und Grün

Noch zehnmal wird Napoleon nach Dresden zurückkehren, doch niemals sollte die Stimmung so unbeschwert und heiter sein, wie im Juli 1807. Schon der dritte Besuch (14. Dezember 1812) fand in aller Stille statt. Die Große Armee war geschlagen und befand sich auf dem Rückzug, 20 000 sächsische Soldaten waren in Russland umgekommen. Im Sommer 1813 residierte Napoleon im Marcolinipalais (heute Stadtkrankenhaus), wo es zur denkwürdigen Begegnung mit dem Grafen Metternich kam. Mit der Schlacht um Dresden im August 1813 errang der Kaiser noch einmal einen Sieg auf deutschem Boden. Am 7. Oktober verließ er Dresden ein letztes Mal, der Völkerschlacht bei Leipzig entgegenziehend…

Napoleons nächtliche Ankunft in Dresden, 4 Uhr am 14.12.1812 (Lithographie um 1850)  Quelle: Privatarchiv Bert Wawrzinek
Napoleons nächtliche Ankunft in Dresden, 4 Uhr am 14.12.1812 (Lithographie um 1850)
Quelle: Privatarchiv Bert Wawrzinek

„Es war die einzige Schuld des sächsischen Königs, dass er aus seinem tiefen Gefühl für das Recht einem Bündnis die Treue gehalten hatte, aus dem die anderen deutschen Fürsten ein paar Tage vor der Leipziger Schlacht, aber eben gerade noch rechtzeitig ausgetreten waren.“ (1)  Für diese Treue musste der unglückliche König mit Gefangenschaft und dem Verlust von zwei Dritteln seines Landes bezahlen. Noch zu seinen Lebzeiten wird man Friedrich August „den Gerechten“ nennen.

Als der König im Juni 1815 aus der Gefangenschaft heimkehrte, begrüßten ihn die Sachsen mit weiß-grünen Fahnen, woraus die sächsischen Farben wurden, die der Bevölkerung des verstümmelten Landes ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermittelten. Am 5. Mai 1827 starb Friedrich August, mit 59 Jahren auf dem Thron dienstältester Regent Sachsens. Sein imposantes Denkmal steht heute auf dem Schloßplatz, wo vor 210 Jahren Napoleon abgöttisch bejubelt worden war.


Literatur:

Karlheinz Blaschke: Der Fürstenzug zu Dresden. Denkmal und Geschichte des Hauses Wettin. Leipzig / Jena / Berlin 1991. (1)

H …: Feierlichkeiten und Beleuchtungen, welche bei Gelegenheit der Ankunft Sr. Majestät des Kaisers von Frankreich und Königs von Italien Napoleon des Ersten in der Königl. Haupt- und Residenzstadt Dresden ihm zu Ehren veranstaltet worden sind. Dresden 1807. (2)

Günter Jäckel: Dresden zur Goethezeit. Die Elbestadt von 1760 bis 1815. Berlin 1987. (3)

M. B. Lindau: Geschichte der königlichen Haupt- und Residenzsatdt Dresden von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwar. 2., verbesserte Auflage. Dresden 1885. (4)

Lutz Reike: Napoleon in Dresden, in: Dresdner Geschichtsbuch 1. Dresden, 1995, S. 45-66.

Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Bilderchronik. Zeitgenössische Darstellungen von Dresdener Begebenheiten aus vier Jahrhunderten. Zweiter Teil. Von 1709 bis 1815. Dresden 1910.

Letzte Änderung am Montag, 03 Juli 2017 19:00
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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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