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Das Doppelalbum „Unbeugsam“ und ein Auftritt in Dresden

Nachtmahr: Die Kultivierung des Widerspruchs

Mittwoch, 19 April 2017 13:27 geschrieben von 
Thomas Reiner beim Nachtmahr-Auftritt in Dresden Thomas Reiner beim Nachtmahr-Auftritt in Dresden Quelle: Falk Rentsch | F-R-Pixx Photography

Dresden – Vor kurzem endete die Deutschland-Tournee der österreichischen Industrial und Aggrotech-Band Nachtmahr. Supportet wurde das aktuelle Doppelalbum „Unbeugsam“ mit einem Querschnitt durch eine Dekade musikalischen Schaffens. Die Scheibe wurde anlässlich des 10-jährigen Bandjubiläums als opulentes Doppel-CD Digipak mit 34 Songs, einer Gesamtspielzeit von 133 Minuten und zwei Fotobooklets mit insgesamt 48 Seiten veröffentlicht. Damit wurde Nachtmahr einmal mehr ihrem Anspruch gerecht, nicht nur etwas fürs Ohr, sondern auch fürs Auge zu bieten.

„Unbeugsam“ ist jedoch mehr als ein simples Best-of-Album, das sich Fans, die sowieso alles von der Band im Regal haben, durchaus sparen könnten. Retrospektiv ist nämlich nur CD 1, während die zweite CD ausschließlich mit Songs von vergriffenen und gesuchten Veröffentlichungen bestückt ist – echte Raritäten also. Ein besonderes Highlight sind die remasterten Tracks der allerersten Nachmahr-Scheibe überhaupt, der EP „Kunst ist Krieg“ aus dem Jahr 2008, die auf 999 Exemplare limitiert war.

Blick ins Booklet von „Unbeugsam“
Blick ins Booklet von „Unbeugsam“

 

Dieser Tage kündigten Thomas Rainer & Co. noch eine exklusive Vintage-Show am 21. Oktober 2017 in Wien sowie zwei Konzertauftritte in St. Petersburg und Moskau am 8. und 9. Dezember 2017 an. Nachtmahr sind international unterwegs und können in vielen europäischen Ländern und sogar in den USA auf eine begeisterte und stetig wachsende Fangemeinde setzen. Ein wahres „Heimspiel“ feierte die Band in der „Reithalle“ in Dresden, wo man sich am 4. März im Rahmen der „Unbeugsam“-Tour die Ehre gab.

Während sich die Begeisterung des Publikums bei den beiden Support-Acts V2A und Betamorphose noch in recht überschaubaren Grenzen hielt und der Raucherraum im Keller des „Bunkers“, wie der dem Veranstaltungsort angeschlossene Club heißt, ziemlich überfüllt war, gab es beim Auftritt von Thomas Rainer und seinen Mitstreitern kein Halten mehr. Die Show machte wieder einmal deutlich, dass Nachtmahr eine Band der Widersprüche sind: Martialische Ästhetik und kriegerische Lyrik auf der Bühne, Statements gegen Krieg und Gewalt in Filmsequenzen auf einer Leinwand im Hintergrund. Aufnahmen militärischer Paraden und Bilder von Kriegsversehrten wechseln sich ab. Soldatentum und „Mourir pour la Patrie“ von zwei Seiten betrachtet. Schönheit und Grauen liegen nah beieinander.

Nur verhaltenen Applaus gab es für ein Anti-Trump-Statement von Thomas Rainer. Schuster, bleib bei Deinem Leisten, mag sich da wohl mancher gedacht haben. Politik hat in der Szene nichts zu suchen, ob es sich nun um ein falsches ideologisches Aufladen bestimmter ästhetischer Momente handelt oder um simple Botschaften, die ins Mikro geraunt werden. Bruno Kramm von Das Ich ist dafür ein bekanntes Beispiel. Die Grenzen zwischen seiner Piraten-Politik und den musikalischen Darbietungen, die wenig mit Politik zu tun haben, verschwimmen immer mehr, wie letztes Jahr beim WGT-Auftritt im Leipziger „Kohlrabizirkus“, wo Kramm munter von der Bühne herab politisierte, „gegen Rechts“, versteht sich.

Musikalisch war am Dresdner Auftritt von Nachtmahr nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Sie spielten ziemlich lang, lieferten eine exzellente Show ab, und die gute Akustik in der „Reithalle“ trug ihren Teil zu einem insgesamt fabelhaften Konzerterlebnis bei. Vor dem Gig gab es ein Fantreffen, wo man schon mal am Merchandise-Stand stöbern oder sich mit den Bandmitgliedern und natürlich den beliebten „Mädchen in Uniform“ ablichten lassen konnte. Am Ende dürften alle vollauf zufrieden gewesen sein – Nachtmahr ebenso wie ihre Fans.


Musiktipp:

Nachtmahr: Unbeugsam. Doppel-CD im 8-seitigen Digipak, 34 Songs und 133 Minuten Gesamtspielzeit. Zwei umfangreiche Booklets, insgesamt 48 Seiten, mit vielen unveröffentlichten Fotos aus der ersten Dekade und brandneuem „Fine Military Erotica“-Artwork. Für € 18,99 zu beziehen bei: www.fantotal.de.

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Valérie Cohène

Valérie Cohène wurde 1992 in Haifa (Israel) geboren und wuchs in Paris und Frankfurt am Main auf.

Sie studierte Ethnologie, Kulturwissenschaften und Philosophie und lebt heute in Leipzig. Ihre Leidenschaft gilt der Literatur. Insbesondere schätzt sie den Expressionismus und die Werke Kafkas, Werfels und Trakls. Daneben befasst sie sich mit Kunst, Musik, Kino und Theater. Seit Mai 2015 gehört Valérie Cohène zur Redaktion und ist für das Kulturressort zuständig.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/51-valérie-cohène.html
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