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Aus dem Stolpener Land

Stolpen800, die Ostersäule und das Pfingstwunder von Lauterbach

Dienstag, 12 Juni 2018 23:40 geschrieben von 
Mit Ostersäule und Brunnenhäuschen beim Festumzug in Stolpen Mit Ostersäule und Brunnenhäuschen beim Festumzug in Stolpen Quelle: Bert Wawrzinek

Stolpen - Die 800-Jahr-Feier der Burgstadt ist Geschichte. Auch wenn im Vorfeld Diskussionen über die Hintergründe des Jubiläums für Irritationen sorgten (Sachsen Depesche berichtete: https://www.sachsen-depesche.de/kultur/stolpen800.html), hat doch die Stolpener Bürgerschaft eine wunderbare Woche zelebriert, die im historischen Festumzug am Sonntag (10.6.) ihren glanzvollen Höhepunkt fand. Mit dabei, die ländlichen Ortstteile Stolpens: Langenwolmsdorf, Helmsdorf, Rennersdorf-Neudörfel, Heeselicht und Lauterbach; einst selbständige Dörfer, die seit 1994 dazugehören und sich nun selbstbewußt im Reigen der in 40 Bildern gezeigten Stadtgeschichte, inmitten von fast 1000 Mitwirkenden, präsentierten.

Einen besonderen Akzent setzte dabei der 600-Seelen-Ort Lauterbach, dessen Kultur- und Bürgerverein mit einer originalgetreuen Kopie der berühmten Ostersäule nicht wenig Aufmerksamkeit erregte. Hoch auf einem hölzernen Wagen und flankiert vom nicht minder symbolträchtigen Brunnenhäuschen (welches seit Jahrhunderten das Gemeindesiegel ziert), wurde die steinerne Säule von einem Lanz Bulldog, Baujahr 1938, volle drei Stunden durch das festlich geschmückte Stolpen gezogen. Was aber hat es damit auf sich, ist von dem urigen Denkmal zu halten, das am westlichen Dorfausgang Lauterbachs seit einem halben Jahrtausend zum Innehalten einlädt?

Zunächst geht es um eine Betsäule, wie sie im mittelalterlichen Deutschland weit verbreitet war. Obwohl die meisten dieser Andachtsstätten der Zeit und dem reformatorischen Bildersturm zum Opfer fielen, kann man bis heute, in von katholischen Sorben bewohnten Teilen der Oberlausitz, nicht wenige dieser Zeugnisse alter Volksfrömmigkeit bewundern. Sinn und Zweck jener Bet- oder Martersäulen (= Martern Jesu am Kreuz) aber war es, einen Ort für die Zwiesprache mit Gott zu haben, einen Platz also, an dem sich himmlischer Beistand erbitten ließ.

Gründe dafür gab es genug: die Sorge um Verwandte, das eigene Seelenheil, Angst vor der Pest und anderen Krankheiten, vielleicht auch eine bevorstehende Reise. Betsäulen fanden sich an Straßen und Wegkreuzungen, und auch die Lauterbacher Ostersäule steht an einer alten Handelstraße, die einst von Pirna, Stolpen über Lauterbach und Bühlau nach Bischofswerda führte. Um zu verstehen, was den Stolpner Amtsschösser Thomas Treuter im Jahre 1584 dazu brachte, die, zunächst seltsam anmutende, Inschrift am Säulenkopf zu verewigen, bedarf es eines Blickes in die Geschichte.

Um das Jahr 800 lag das spätere Ostsachsen jenseits der Grenze des Fränkischen Reiches, deren Verlauf durch Elbe und Saale bestimmt war. Nach Abzug der germanischen Urbevölkerung wurden hier heidnische Slawen - Milzener und Daleminzier - ansässig. Im Krieg mit letzteren ließ König Heinrich I. (879-936) die Burg Misni (Meißen) errichten. Um die deutsche Herrschaft zu festigen, entstanden 968 die Mark Meißen und das gleichnamige Bistum. Die Militärverwaltung im eroberterten Sorbenland indes stützte sich auf Burgen rechts der Elbe, Burgwarde übten die Kontrolle über ein bestimmtes Gebiet aus.

1006 schenkte König Heinrich II. (973-1024) dem Meißner Bischof den Burward Göda und das dazugehörige Gebiet, zu dem auch die Flur des (noch nicht existierenden) Dorfes Lauterbach gehörte. Im Zuge der deutschen Ostsiedlung kamen Sachsen, Thüringer, Franken und Flamen auch in den obersächsischen Raum. Um 1150 gründeten 40 fränkische Bauern mit ihren Familien das Waldhufendorf Lauterbach. 1517 begann die Reformation in Deutschland. Während Kursachsen die neue Religion 1539 annahm, wurden Stolpen und die umliegenden Dörfer erst 1559 durch einen Gebietstausch kursächsisch - und evangelisch.

Im Jahr 1582 hatte Papst Gregor eine Kalenderreform für die katholischen Länder beschlossen. Bekanntlich dreht sich die Erde in 24 Stunden einmal um die eigene Achse und umrundet die Sonne in 365 Tagen. Die genaue Laufzeit binnen eines Jahres beträgt jedoch zusätzlich 6 Stunden, weshalb alle vier Jahre ein Tag in den Kalender eingeschoben werden muß (Schaltjahr). 1582 betrug diese Abweichung schon 10 Tage, die nun ausgelassen wurden. In der benachbarten Oberlausitz, die zum Königreich Böhmen gehörte und katholisch blieb, wurde der neue Kalender 1584 eingeführt, nicht aber im kursächsischen Amt Stolpen, wo man weiter nach julianischer Zeit lebte.

Entsprechend einer alten Überlieferung soll es ein Lauterbacher Fuhrmann gewesen sein, der in jenem Jahr seine Verwandten in der Oberlausitz besuchte, um bei ihnen das Osterfest zu feiern. Nach gregorianischem Kalender war das am 1. April. Zurück in Lauterbach, gab es am 19. April (julianischer Kalender) eine zweite Feier mit den Daheimgebliebenen. Dies mag damalige Zeitgenossen nicht wenig erstaunt haben, wovon bis heute diese Worte künden: „1584 JAR / DAS IST WAR / ZVENE OSTERN / IN EINEN JAR“.

300 Jahre später (1884) wurde die Säule restauriert. Statt erhoffter Münzen und Urkunden aus der Entstehungszeit fanden sich Asche und Scherben. Es war im Frühjahr 2018, als sich rührige Mitglieder des Lauterbacher Kulturvereins – das anstehende Stolpener Jubiläum vor Augen – abermals mit Meßgerät und Photoapparat an den historischen Ort begaben. So nahm eine „zweite“ Ostersäule in Lauterbach allmählich Gestalt an, wuchs auf einer soliden Rahmenkonstruktion das 2,50 Meter hohe Monument.

Und es geschah Folgendes: Als man am letzten Pfingstsonntag schließlich dabei war, den am Säulenkopf dargestellten, gekreuzigten Heiland zu modellieren, erschien auf dem First der benachbarten Scheune eine – weiße Taube! Nun erinnert die christliche Welt gerade an diesem 50. Tag nach Ostern an die Herabkunft des Hl. Geistes auf die Jünger Jesu, die in Jerusalem so ihr (in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments beschriebenes) Pfingstwunder erlebten. Den Jüngern sollen dabei „Zungen wie von Feuer“ erschienen sein. Fortan war es ihnen möglich, das Wort Gottes auch in fremden, ihnen bis dahin unbekannten Sprachen zu verkünden.

Die weiße Taube aber ist in der Ikonographie das Symbol des - Heiligen Geistes und in zahllosen Kunstwerken und gerade für Pfingsten zentrales Sinnbild. Solcherart inspiriert, durften die „Verwunderten“ dann auch bei strahlendem Sonnenschein ihr Tagwerk fortsetzen, nahmen die Arbeiten einen glücklichen Abschluß. Am 10. Juni 2018 aber stand der Kultur- und Bürgerverein aus Lauterbach samt Ostersäule auf dem Markt zu Stolpen, um der jubelnden Stadt einen herzlichen Glückwunsch zu entbieten!

Letzte Änderung am Sonntag, 24 Juni 2018 00:33
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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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