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Dresden im Spiegel alter Ansichten

Van Cleef, 1555: Dresdens älteste erhaltene Stadtansicht

Donnerstag, 05 Juli 2018 23:20 geschrieben von 
Dresden 1555 (Kupferstich nach Heinrich van Cleef) Dresden 1555 (Kupferstich nach Heinrich van Cleef) Quelle: Archiv B. Wawrzinek

Dresden – Noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunders hielt die Fachwelt Franz Hogenbergs Dresden-Kupferstich in Georg Brauns Städtebuch „Civitates orbis terrarum“ (1572) für die älteste erhaltene Ansicht Dresdens. Zwei frühere Prospekte von 1529 und 1547 fanden noch um 1800 Erwähnung; und wenn überhaupt jemals existent, galten sie schon damals als verlorengegangen. Im Jahre 1906 erschien in den Dresdner Geschichtsblättern ein Beitrag des Ratsarchivars Otto Richter (1852-1922), worin diese bisherige Auffassung revidiert und der Blick auf den Maler Hendrick (Heinrich) van Cleef (Henricus a Cleve) gelenkt wurde. Richter verwies zunächst auf einen Eintrag im „Verzeichnis der Landkarten und vornehmsten topographischen Blätter der Sächsischen Lande“ (Meißen 1796) des kurfürstlichen Oberbibliothekars Johann Christian Adelung.

Auf Seite 65 hatte dieser auch einen Prospekt von Dresden verzeichnet, „enthalten in Henrici a Cleve: ‚Ruinarum ruriumque aliquot delineationes‘, 1587“ (abweichend: Ruinarum varii Prospectus, ruriumque aliquot delineationes, 1604). Genau diese gestochene Ansicht aber war 1906 vom Dresdner Stadtmuseum erworben worden. Sie entstammt dem genannten, in Antwerpen erschienenen Werk mit insgesamt 38, nach Cleefs Zeichnungen von Philipp Galle gestochenen und gedruckten Ansichten. Adelung aber könne das von ihm genannte Blatt (Nr. 27 der Collection) selbst nicht gesehen haben, so Richter, da jenes seltene Buch zu dieser Zeit in keiner sächsischen Bibliothek vorhanden war, was sich bis heute nicht geändert hat.

Von Antwerpen nach Italien, über Dresden zurück

Heinrich van Cleef, um 1525 in Antwerpen geboren, soll nach einer Ausbildung bei dem Maler Frans Floris nach Italien gereist und 1555 in seine Heimatstadt zurückgekehrt sein. Im gleichen Jahr heiratete er Paschasia Suys. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, die wie Vater Cleef Maler wurden. Nach 1590 soll der Künstler in Antwerpen gestorben sein. Bilder des Landschaftsmalers Cleef sind offenbar nicht erhalten, wohl aber zahlreiche Stiche und Landschaftszeichnungen. Doch wann genau ist Cleef in Dresden gewesen, um die Stadtsilhouette - in einem vorweggenommenen „Canaletto-Blick“ - vom gegenüberliegenden Elbufer aus für die Nachwelt festzuhalten?

Mit Bestimmtheit nennt Otto Richter das Jahr 1555 als Entstehungsdatum, da Cleef den Schössereiturm des Residenzschlosses schon in der 1553 erhaltenen Form darstellt und weiter anzunehmen ist, daß der Abstecher des Künstlers nach Dresden erst auf seiner Rückreise erfolgte. Allerdings zeigen die Ansichten im genannten Buch fast ausschließlich römische oder griechische Altertümer südlich der Ewigen Stadt. Ausnahmen bilden das Aquädukt von Segovia (Kastilien), eine toskanische Brücke und eben Dresden, was den Reiseplan des Flamen kaum plausibler macht. Nicht weniger interessant aber ist die Frage, was genau wir auf der stimmungsvollen Vedute, die Richter als eine „gute Ansicht der Stadt“ charakterisiert, überhaupt betrachten können.

Im Detail

Besonders jene wichtigsten beiden Bauwerke, die mächtige Elbrücke und das Schloß, seien, so Richter, mit einer für diese Zeit „nicht gewöhnlichen Genauigkeit“ gezeichnet. Ganz links auf der Brücke fällt das große Tor mit Gatter ins Auge, daneben das Zollhaus. Auf dem übernächsten Brückenbogen glaubte Otto Richter die bereits 1305 erwähnte Alexiuskapelle mit spitzem Dach und gotischen Erkern zu erkennen, deren Abbild überhaupt unbekannt war. Jene Kapelle aber mußte 1541 der Errichtung eines Zollhauses weichen, Van Cleef kann sie 1555 nicht gesehen haben. Am Ende meint die Spitze doch den Turm der (perspektivisch verfehlten) alten Frauenkirche?

Rechts davon ragt ein, von Richter nicht näher bezeichnetes, großes Haus mit einem Giebel auf, dann, dem Anschein nach, die alte Frauenkirche mit eigenartigem Turm. Oder doch die Kreuzkirche, wie Günther Rehschuh 1969 meinte? Das große Dach daneben ordnet der Ratsarchivar dem „alten Judenhause und Gewandhause“ zu (abgerissen 1591), daneben ein Stück alter Stadtmauer mit einem dickem Turm als Abschluß. Der „sonderbar geformte Turm“ über dem Georgentor indes, markiert für Richter „der Lage nach“ die Kreuzkirche, dazu sei ein alles überragender Hausmannsturm in der Mitte „nicht ganz richtig wiedergegeben“. (Zwischen beiden genannten Türmen sieht der Betrachter oben genannten Schössereiturm mit auffälliger Spitze, genannt „Flasche“.) Überhaupt wären, so Richter, die Bauten im Hintergrund „nur sehr flüchtig und mit offenbarer Willkür angeordnet“, die Wiedergabe von Türmen aber sei „die schwache Seite Cleefs wie aller Architekten seiner Zeit“.

An der Schwelle einer neuen Zeit

Bei aller Entdeckerfreude muß Richter übersehen haben, daß Cleefs Dresden-Prospekt erst 1863 im Bildteil der „Geschichte der Haupt- und Residenzstadt Dresden von der frühesten bis auf die gegenwärtige Zeit“ von Martin Bernhard Lindau, der das Blatt besessen haben müßte, zutreffend als „älteste Ansicht von Dresden“ bezeichnet, abgedruckt worden war. So oder so bleibt die Cleefsche Ansicht ein schönes Dokument Dresdens auf dem Weg zur glanzvollen Renaissancestadt. Erst wenige Jahre zuvor (1539) war in Sachsen die Reformation eingeführt worden. Herzog Moritz (1521-1553) hatte 1547 die Kurwürde an die albertinischen Wettiner gebracht, Dresden wurde kurfürstliche Residenz!

Noch im gleichen Jahr ordnete Kurfürst Moritz den Umbau seiner Dresdner Burg an, die sich zum repräsentativen Schloß und einem Gründungsbau deutscher Renaissance entwickeln sollte. Unter seinem Bruder, Kurfürst August von Sachsen (1526-1586) setzte sich der wirtschaftliche und kulturelle Aufstieg fort. 1549 vereinigte sich die Stadt, die damals 6500 Einwohner und 490 Häuser zählte, mit dem rechtselbischem Altendresden. Die Weichen waren also gestellt für jene großartige Entwicklung, die Dresden schon bald zu einer der schönsten Städte Deutschlands erheben würde. Ein Künstler aus Antwerpen hat den Beginn jener Aufbruchstimmung festgehalten - als „Schnappschuß“ aus dem Jahre 1555 - auf Dresdens ältester erhaltener Ansicht!

 

Literatur:

Günther R. Rehschuh: Die ersten Ansichten der Stadt Dresden, in: Sächsische Heimatblätter 6/1969, S. 28-32. Otto Richter: Die älteste Ansicht der Stadt Dresden, in: Dresdner Geschichtsblätter Nr. 2 (1906), S. 89-91 (alle Zitate ebd.) Ulrich Becker und Felix Thieme: Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Band 7, Leipzig 1912, S. 96 f.

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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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