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Die wechselvolle Geschichte eines Kunstwerks

Vor 100 Jahren: Der Jugendstil-Meister Carl Larsson und sein Monumentalgemälde „Midvinterblot“

Sonntag, 13 Dezember 2015 19:20 geschrieben von 
Midvinterblot Midvinterblot

Leipzig/Stockholm – Der schwedische Maler, Grafiker und Illustrator Carl Larsson galt in seinem Land nicht nur als führender Vertreter der aus Großbritannien stammenden Arts-and-Crafts-Bewegung, die, nah am Jugendstil und der Art Nouveau, durch Produktdesign eine Brücke zwischen Kunst und Alltag schaffen wollte, sondern erlangte auch durch seine volkstümlichen Aquarelle ein hohes Maß an Popularität. Manche sehen ihn und seine ebenfalls künstlerisch tätige Frau Karin gar als frühe Vorreiter von Ikea an, gelten sie doch gewissermaßen als „Erfinder“ eines als typisch schwedisch wahrgenommenen Wohlstils, der helle Farben mit ausgeprägter Funktionalität und unaufdringlicher Schlichtheit verbindet – und durch besagtes Möbelhaus auch hierzulande eine große Verbreitung gefunden hat.

 

 

Carl Larsson erblickte 1853 in Stockholm das Licht der Welt und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach einem Studium an der Königlichen Kunstakademie in Schwedens Hauptstadt ging er zunächst nach Frankreich und arbeitete dort in der skandinavischen Künstlerkolonie Grez-sur-Loing bei Fontainebleau, wo er Anregungen der französischen Freilichtmalerei aufnahm. Nach der Rückkehr in sein Heimatland im Jahr 1885 schloss sich der Künstlergruppe „Opponenterna“ an und wurde schon bald zum bekanntesten Jugendstil-Maler Schwedens. Darüber hinaus schif Larsson zahlreiche Buchillustrationen und malte Porträts bedeutender Zeitgenossen wie Selma Lagerlöf und August Strindberg. Ab 1888 bewohnte er mit seiner Frau und seinen sieben Kindern eine großbürgerliche Villa in Sundborn in der schwedischen Provinz Dalarna, später leicht ironisch „Lilla Hyttnäs“ („kleine Hütte“) genannt, die nach und nach künstlerisch erweitert und ausgebaut wurde. Heute dient das schmucke Haus als Museum. Der Künstler starb 1919 in Falun nahe Sundborn.

Auftrag vom Schwedischen Nationalmuseum

Larssons farbenfrohe Werke zeugen von seiner unbändigen Lebensfreude, doch ausgerechnet sein bedeutendstes Werk, das mythische Monumentalgemälde „Midvinterblot“, das er 1915, also vor genau 100 Jahren anfertigte, bereitete ihm argen Verdruss. Die Auseinandersetzungen um das Werk, das 1997 endlich seinen Platz im Stockholmer Nationalmuseum gefunden hat, gingen förmlich an die Substanz des schwedischen Jugendstilmeisters.

Die wechselvolle Geschichte des einzigartigen Kunstwerks begann im Jahr 1883, als ein Expertengremium zusammentrat, das über eine neue Gestaltung der Wände der Treppenhalle des 1866 Schwedischen Nationalmuseums entscheiden sollte. Es wurde schließlich ein Wettbewerb ausgeschrieben, und auch Larsson reichte Skizzen ein. Er erhielt schließlich den Zuschlag für die Ausführung in der unteren Etage. So begann er ab Mitte der 1890er Jahre mit der Gestaltung von sechs Wandflächen, die am Ende seine nationalhistorischen Motive „Ehrenstrahl malt ein Porträt von Karl XI.“, „Schlossbau mit Nicodemus Tessin d. J. und Carl Hårleman“, „Königin Lovisa Ulrika und Carl Gustav Tessin“, „Gustav III., der Beschützer der Kunst und Museumsgründer, nimmt antike Kunstwerke entgegen“, „Bellman in Sergels Atelier“ und „Taravals Zeichenschule“ zierten. Man war mit der Ausführung jedoch auch nach einigen Änderungen nicht vollauf zufrieden, so dass die Gemälde am Ende zwar „angenommen“, jedoch nicht vollständig „befürwortet“ wurden.

Nun machte sich Larsson daran, auch die obere Etage zu gestalten. Nach Fertigstellung des Gemäldes „Gustav Wasas Einzug in Stockholm“ im Jahr 1907 wollte er die letzte freie Fläche mit einem Motiv aus der schwedischen Sagenwelt gestalten, nachdem er die Idee, ein Ereignis aus dem Leben von Gustav II. Adolf darzustellen, wieder verworfen hatte. Im Februar 1911 konnte er eine erste Skizze zu „Midvinterblot“ vorstellen: Das Bild zeigte eine Episode aus der altskandinavischen Dichtung Ynglingatal: Der Sagenkönig Domalde opfert sich selbst den Göttern, nachdem das Land unter mehreren Jahren Missernte gelitten hat. Zu sehen ist, wie der König auf einem Schlitten zum legendären Tempel von Uppsala gezogen wird, wo ihn unter anderem Lurenbläser, ein Spielmann mit Harfe, tanzende Frauen und zwei heidnische Priester erwarten. Einer von ihnen hebt feierlich einen großen Mjölnir (Thorshammer) in die Höhe. Der Künstler erklärte dazu laut der Larsson-Biografie von Georg Nordensvan aus dem Jahr 1921: „Hier wird ein König für das Wohl des Volkes geopfert. Er wurde in der heiligen Quelle ertränkt, die sich am Fuß des Baumes befand.“

Larssons Verbitterung

Larssons mythologische Darstellung der Selbstopferung des Sagenkönigs, die im übertragenen Sinne als Aufopferung eines Herrschers für sein Volk gedeutet werden kann, wurde von vielen Seiten kritisiert. Man empfand das Bild als exzentrisch, ahistorisch, unpassend und grotesk. Immer wieder überarbeitete es der Künstler und nahm dabei auch Änderungsvorschläge seitens der Museumsleitung auf. Eine lang anhaltende Reihe von kritischen Beiträgen in Briefen und Zeitungsartikeln bewirkten schließlich, dass Larsson 1914 in einem Schreiben an den schwedischen Kultusminister erklärte, seine Arbeit für das Nationalmuseum einzustellen. Stattdessen begann er, „Midvinterblot“ in seinem Atelier in Sundborn auf eigene Faust zu malen, nun aber nicht mehr in der Dimension eines Wandbildes, sondern als Monumentalgemälde auf einer 13 Meter langen Leinwand. Als er das gewaltige Fresko schließlich 1915 fertiggestellt hatte, war der renommierte Bildhauer und Maler Anders Zorn davon so sehr angetan, dass er der schwedischen Regierung anbot, die Kosten dafür zu übernehmen. Tatsächlich fand das Bild dann auch kurzzeitig Platz an der ursprünglich dafür vorgesehenen Stelle, doch bereits 1916 änderten die Experten des Nationalmuseums erneut ihre Meinung und ließen es wieder abhängen. Zorns Angebot einer Kostenübernahme wurde ausgeschlagen.

Ab März 1916 stellte Larsson „Midvinterblot“ in der neu eröffneten Liljevalchs-Kunsthalle aus. Das Gemälde musste jedoch wegen seiner gewaltigen Größe oben abgeschnitten werden. Ohne dass sein Schöpfer dies forciert hätte, kamen mehrere Künstler und Kunsthistoriker daraufhin zu dem Ergebnis, dass das Fresko höchsten Ansprüchen genügte und eine für das Nationalmuseum angemessene Form der Abbildung eines mythologischen Motivs darstellt. Larsson war jedoch zutiefst enttäuscht. In seiner Autobiografie bekundete er voller Verbitterung: „Das Schicksal von ‚Midvinterblot‘ hat mich gebrochen! Das gebe ich mit dumpfer Wut zu. Und doch war es wohl das Beste, was da geschah, denn nun sagt mir meine Intuition – wieder! – dass dieses Gemälde mit all seinen Schwächen, eines Tages, wenn ich weg sein werde, mit einem weitaus besseren Platz geehrt werden soll.“

Späte Würdigung

So sollte es am Ende auch kommen: Nachdem „Midvinterblot“ für 40 Jahre in den Archiven für dekorative Kunst in Lund verschwand, wurde es von Larssons Erben über das Londoner Auktionshaus Sotheby‘s an einen japanischen Sammler veräußert, der das Gemälde im Jahr 1992 – anlässlich des 200-jährigen Bestehens des Hauses – an das Nationalmuseum auslieh. In der Folge unterstützten mehrere schwedische Stiftungen das Nationalmuseum, das das Gemälde schließlich im Sommer 1997 für 14,6 Millionen Kronen erwerben konnte. Seitdem ist das Bild, das unter anderem auch eine in diesem Jahr von der Post der finnischen Åland-Inseln herausgegebene Briefmarke und das 1998 veröffentlichte Live-Album „Blót – Sacrifice in Sweden“ der US-amerikanischen Neofolk-/Neoklassik-Band Blood Axis ziert, gegenüber „Gustav Wasas Einzug in Stockholm“ zu sehen – an dem von Larsson dafür vorgesehenen Platz.

Letzte Änderung am Sonntag, 13 Dezember 2015 19:24
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Roxana Miller

Roxana Miller wurde 1985 in Minsk/Weißrussland geboren.

Klassisches Ballett ist ihre Leidenschaft.

Sie studierte Germanistik (Universität Minsk) und später Slawistik (Universität Jena).

Seit Januar 2015 arbeitet sie für unsere Redaktion.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/42-roxana-miller.html
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