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Gastbeitrag

Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek

Freitag, 12 Oktober 2018 14:35 geschrieben von  Klaus-Werner Haupt
Johann Winckelmann und sein Kreis in Nöthnitz Johann Winckelmann und sein Kreis in Nöthnitz Quelle: Klaus-Werner Haupt

Theobald von Oer (1807–1885) machte in Dresden als Historienmaler, Illustrator und Radierer Karriere. Zu seinen Auftraggebern zählte der sächsische Kammerherr Rudolph Carl von Finck (1837–1901), Besitzer von Schloss Nöthnitz. Ganz im Sinne des Reichsgrafen Heinrich von Bünau (1697–1762) sollte Nöthnitz wieder zu einem Mittelpunkt geistigen Lebens werden. Zur Bibliothek des Kammerherrn zählten "Winckelmanns Briefe an seine Freunde", herausgegeben von dem kurfürstlichen Bibliothekar Karl Wilhelm Daßdorf (1750–1812). Um Johann Winckelmann und dem legendären Nöthnitzer Kreis ein Denkmal zu setzen, entstand 1874 Oers fiktives Gemälde „Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek“.

Anlässlich seines 300. Geburtstages am 9. Dezember 2017 würdigte die Gemeinde Bannewitz das sechsjährige Wirken Winckelmanns auf Schloss Nöthnitz. Unter Federführung der Musik-, Tanz- und Kunstschule Bannewitz e. V. erlebten Gäste von nah und fern eine musikalisch-szenische Zeitreise, bei der Theobald von Oers Gemälde lebendig wurde:

Der berühmte Altertumsforscher ist danach nicht ermordet worden, sondern wird 1768 auf Schloss Nöthnitz erwartet. Zum Kreise der Gelehrten zählen der päpstliche Botschafter Archinto, Reichsgraf von Bünau, der Kunstagent Algarotti, Publizist Rabener, Gotthold Ephraim Lessing, der Kunsttheoretiker Hagedorn, der Maler Oeser, Universitätsprofessor Heyne aus Göttingen, der Antikenkenner Lippert, Hofmaler Dietrich und Bernardo Bellotto (Canaletto). Zwei reizende Schokoladenmädchen (das berühmte Gemälde „La Belle Chocolatière de Vienne“ von Jean-Étienne Liotard steht bis zum 6. Januar 2019 im Mittelpunkt einer Sonderausstellung der Gemäldegalerie Alte Meister) lockern die Runde auf. Die Dialoge drehen sich um Winckelmanns Anfänge 1748 in Nöthnitz, seine menschlichen Schwächen und seine Kunststudien 1754/55 in Dresden. Als Lessing anhebt, aus seinem Werk "Laokoon: oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie" zu referieren, erscheint Winckelmann und preist den Apoll vom Belvedere als „höchstes Ideal der Kunst des Altertums“.

Wer die Ur-Fassung der Szene nachlesen möchte, kann dies in der 2018 vom Bertuch Verlag Weimar herausgegebenen Broschüre „Johann Joachim Winckelmann im Kreise der Gelehrten“ (24 Seiten, ISBN 9 783863 970963, Preis 2 Euro) tun.

Winckelmanns Kunstrevolution begann mit den drei sogenannten Herkulanerinnen, die im Gläsernen Depot des Dresdner Albertinums zu besichtigen sind. 2019 soll die Antikensammlung neu präsentiert werden.


 

Autor:

Klaus-Werner Haupt wurde 1951 in Sachsen-Anhalt geboren und lebt seit 1973 in Brandenburg. Als Gymnasiallehrer war er mit seinen Schülern in Weimar auf den Spuren der Klassiker unterwegs. In der Weimarer Verlagsgesellschaft erschienen sein Sachbuch „Johann Winckelmann – Begründer der klassischen Archäologie und modernen Kunstwissenschaften“ (2014) sowie die Anthologie „Okzident & Orient“ (2015).

Letzte Änderung am Samstag, 13 Oktober 2018 08:40
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