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Sächsische Köpfe

Zur Erinnerung an Johann Georg Palitzsch (1723-1788)

Donnerstag, 01 Februar 2018 04:57 geschrieben von 
Johann Georg Palitzsch - Lithographie von F. A. Zimmermann (1839) Johann Georg Palitzsch - Lithographie von F. A. Zimmermann (1839) Quelle: Archiv B. Wawrzinek

Dresden – Am 21. Februar vor 230 Jahren verstarb in Prohlis bei Dresden der „Bauernastronom“ Johann Georg Palitzsch. Ohne höhere Schul- und Studienbildung und zeitlebens seinem landwirtschaftlichen Beruf verpflichtet, hat der Bauernsohn aus eigener Kraft Fähigkeiten und Kenntnisse erworben, die ihn weit über seinen Stand hinaushoben. Geboren am 11. Juni 1723 als einziger männlicher Nachkomme des Gutsbesitzers Johannes Palitzsch und dessen Frau Martha geb. Heyne, wurde der Knabe nach dem frühen Verlust des Vaters von seiner Mutter und dem Stiefvater Michael Philipp erzogen, der vor allem einen tüchtigen Bauern aus ihm machen wollte.

Doch der zurückhaltende Junge las oft in der Bibel, beschäftigte sich mit Fragen der Natur und zeigte einen Wissensdrang, der in der Leubnitzer Dorfschule allein nicht gestillt werden konnte. Mit großer Aufmerksamkeit folgte er dem Gottesdienst und verschlang Erbauungsschriften; Bücher, die ihm im Elternhaus zur Verfügung standen. Denn eigentlich galt seine besondere Aufmerksamkeit den Vorgängen in der Tier- und Pflanzenwelt. Gegen den Willen des argwöhnischen Vaters setzte er seine Studien fort und fand so zur Astronomie. Mit 21 Jahren übernahm Palitzsch den väterlichen Hof, gründete einen Hausstand und heiratete 1745 die Kaitzerin Anna Maria Kürbis. Erfolgreich bewirtschaftete der selbständige Bauer sein Gut. Den wissenschaftlichen Ehrgeiz freilich konnte er nun ungehindert ausleben.

Palitzsch verschaffte sich Bücher zum Selbststudium, lernte Mathematik, vervollständigte seine astronomischen Kenntnisse und trat mit Wissenschaftlern aus der nahegelegenen Residenz in Verbindung. So mit dem Direktor des Mathematisch-Physikalischen Salons, Georg Gottlieb Haubold, dem er regelmäßig seine Wetterbeobachtungen ablieferte. Haubold unterwies den Bauern in der Handhabung optischer Geräte und gestattete ihm den Besuch der Sammlung. Die Beschäftigung mit der Botanik führte zur lateinischen Sprache und der Anlage eines Kräuter- und des botanischen Gartens daheim in Prohlis. Dort entstand mit der Zeit ein regelrechtes Museum von mehr als 3000 Büchern, Mineralien, Petrefakten, Fernrohren, Mikroskopen und mehr. Der ambitionierte Naturforscher Palitzsch blieb stets nüchterner Beobachter und ist als gottesfürchtiger Christ Spekulationen immer abhold gewesen.

Als in Sachsen der Siebenjährige Krieg tobte, brachte Palitzsch Bibliothek und Sammlungen nach Dresden in Sicherheit, seine Instrumente aber vergrub er. Nachdem sich um Weihnachten 1758 die Situation entspannt hatte, holte der Bauer ein Fernrohr aus der Erde, womit ihm am 25. Dezember die Wiederentdeckung des Halleyschen Kometen und ein aufsehenerregender Erfolg gelang. Während der Kriegsjahre erhielt Palitzsch ranghohen Besuch, als der österreichische General Baron von Monmartin nächtliche Himmelsbeobachtungen mit ihm durchzuführen wünschte. Auch die Gegenseite - Prinz Heinrich von Preußen, der mit dem Bauern naturwissenschaftliche Fragen erörterte und sein Bruder König Friedrich II. - soll mehrfach in Prohlis zu Gast gewesen sein.

Der Autodidakt Palitzsch wurde korrespondierendes Mitglied der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften, der Royal Astronomical Society in London und 1770, auf Vorschlag des Kurfürsten, Mitglied der Leipziger Ökonomischen Societät. Den Grundbesitzern und Bürgermeistern jener Gesellschaft geht es vor allem um die Beseitigung der Kriegsfolgen in Sachsen. Auf Palitzschs Vorschlag wurde der eben in Amerika erfundene Blitzableiter auch in Dresden eingeführt, 1775 auf dem Schloß der Residenz. Selbst der Kartoffelanbau im Elbtal geht auf den vielseitig interessierten Bauern zurück, der die neuartige Frucht an der kurfürstlichen Tafel in Pillnitz kennengelernt und ihre Bedeutung als allgemeines Nahrungsmittel erkannt hatte.

Bei allem Erfolg blieb das Familienleben des gelehrten Bauern nicht frei von Schicksalsschlägen. Nachdem die erste Gattin bald nach der Heirat verstarb, und auch ein gemeinsames Töchterchen nicht am Leben blieb, vermählte sich Palitzsch 1749 mit Anna Regina Ehlich aus Plauen bei Dresden. Von den sechs Kinder starben drei frühzeitig, der älteste Sohn Johann Gottlob, dem Vater ähnlich, mit 31 Jahren (1784). Die Ehe des zweiten Sohnes Johann Gottlieb, einem Landwirt ohne wissenschaftliche Neigungen, blieb kinderlos. Dessen Frau Eva Sophie geb. Grahl wird 1803 Univeraleerbin ihres Schwiegervaters. Der Siebenjährigen Krieg hatte auch die bäuerliche Landwirtschaft zurückgeworfen. Mit zähem Fleiß gelang es Palitzsch, die Verluste wettzumachen, sein Bestes aber – Bibliothek und Sammlungen – waren verloren. Nach der preußischen Belagerung Dresdens (1760) hatten Kroaten die von den Bewohnern verlassenen Häuser der Stadt geplündert und waren ebenso in Keller und Verließe eingedrungen …

Auch im letzten Abschnitt seines Lebens hatte Palitzsch schwere Prüfungen zu bestehen. Nachdem seine zweite Gattin verstorben war, heiratete er 1773 ein drittes Mal: Anna Rosine Kirsten. Noch einmal war die Liebe ins Haus des Bauern zurückgekehrt, doch wieder entriß der Tod dem Vater ein geliebtes Töchterchen … Während Zeitgenossen seine Statur als groß, kräftig und ansehnlich beschrieben, hatte die unablässige, harte Arbeit zuletzt ihre Spuren hinterlassen. Das volle, runde Gesicht soll indes über das 60. Lebensjahr hinaus seine Frische behalten haben. Fromm und herzensgut sei der außergewöhnliche Mann gewesen, dabei streng gegen sich und andere. Ein Schlaganfall hat seinem Leben 1788 ein Ende gesetzt, auf dem Leubnitzer Friedhof wurde Johann Georg Palitzsch begraben.

Wenn auch nahezu sämtliche Aufzeichnungen des Astronomen in den Wirren der Kriege verloren gingen, wie zuvor die wertvolle naturwissenschaftliche Sammlung und seine große Bibliothek: Vergessen ist Palitzsch keineswegs. In Dresden tragen eine Straße und die 121. Mittelschule seinen Namen, erinnern das Palitzsch-Museum in Prohlis, die Palitzsch-Gesellschaft und ein 1877 errichtetes Denkmal an den legendären Bauernastronomen. Drei Krater und ein Tal des Mondes sind nach ihm benannt. Das Grab auf dem Leubnitzer Friedhof ist erhalten. Ein sandsteinernes Postament, das einen Säulenstumpf trägt, unweit jener Kirche, in der ein stiller Junge einst zum Höhenflug ansetzte, auf einer Lebensbahn unter dem Sternenzelt ...

Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.palitzsch-museum.de/george_palitzsch.html

Letzte Änderung am Freitag, 02 Februar 2018 20:06
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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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