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Diskussion

Ausstellungsverbot für „Antaios“ und „Compact“ bei der Leipziger Buchmesse?

Mittwoch, 13 Dezember 2017 19:00 geschrieben von  Jan Erbenfeld
Umstritten - Bücher aus Schnellroda Umstritten - Bücher aus Schnellroda Quelle: Jan Erbenfeld

Leipzig – Ginge es nach Juliane Nagel (MdL) und der Linksfraktion im Leipziger Stadtrat, wird es bei der Leipziger Buchmesse im kommenden Jahr ein Teilnahmeverbot für „rechte“ Verlage geben. Zumindest haben die Linkssozialisten am 18. Oktober einen Antrag eingebracht, wonach die Stadt als Gesellschafter der Leipziger Messe GmbH darauf hinzuwirken habe, daß den explizit genannten Verlagen „Antaios“ und „Compact“ künftig keine Teilnahme mehr ermöglicht werden soll. https://www.l-iz.de/politik/leipzig/2017/11/Soll-rechtslastigen-Verlagen-der-Auftritt-auf-der-Leipziger-Buchmesse-versagt-werden-197972

Bereits am 11. Oktober, dem Eröffnungstag der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, waren die Veranstalter in einer skurilen Prozession zum Stand des neurechten Antaios-Verlages gezogen, um, mit gedruckten Pappschildern in den Händen, gegen vorgeblichen „Rassismus“ zu demonstrieren. Einerseits glaubte man, die Präsenz der ungeliebten Mieter nicht verhindern zu können, hatte aber vorgebaut und die linke Amadeu-Antonio-Stiftung der Anneta Kahane als Vis-a-vis in unmittelbarer Nähe postiert. Weitere Eskalationen ließen nicht auf sich warten. Die von Unbekannten noch am gleichen Tag mit Zahnpasta und Kaffeesatz beschmierten Antaios-Bücher waren erst der Auftakt.

Nachdem Langfinger in der Nacht zum Freitag (13.10.) den Gemeinschaftsstand der nonkonformen Zeitschrift "Tumult" und des konservativen Verlages „Manuscriptum“ leergeräumt hatten, kam es dann am Samstag (14.10.) zu Turbulenzen, als ein Pulk aufgebrachter Demonstranten versuchte, die Diskussusionsveranstaltung mit den Antaios-Autoren Martin Sellner, Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz zu verhindern. Einige Störer mußten von der Polizei festgenommen werden. Nicht ohne Berechtigung warfen die geschädigten Verlage dem Börsenverein als Veranstalter vor, ihre Stände nicht genügend vor linksradikalen Aktivisten gesichert zu haben.

Als Reaktion auf die genannten Geschehnisse meldete sich zwei Tage später (16. 10.) eine Initiative um die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen mit der „Charta 2017 - Zu den Vorkommnissen auf der Frankfurter Buchmesse 2017“ als Online-Petition zu Wort. Die illustre Schar der Erstunterzeichner, zu denen neben Vera Lengsfeld, Uwe Tellkamp, Jörg Friedrich, Matthias Matussek und Hans-Joachim Maaz weitere Publizisten und Buchhändler gehören, beruft sich auf den Schutz der Meinungsfreiheit, die in Gefahr gerate, wenn ein Branchenverband wie der Börsenverein darüber befinde, „was als Meinung innerhalb des Gesinnungskorridors akzeptiert wird und was nicht“. Wenn dann noch zu „aktiver Auseinandersetzung“ mit den mißliebigen Verlagen aufgerufen werde, sei man angesichts genannter Konsequenzen nicht weit von einer „Gesinnungsdiktatur“ entfernt. Unterzeichnet haben den Text bis eben 7.096 Unterstützer. https://www.openpetition.de/petition/online/charta-2017-zu-den-vorkommnissen-auf-der-frankfurter-buchmesse-2017

Schließlich erfolgte mit dem „Aufruf von Tätigen im Literatur- und Kulturbereich“ eine Replik, die am 4. Dezember publiziert wurde. Das besondere Mißfallen der 134 Unterzeichner – darunter Schriftsteller wie Marcel Beyer, Ingo Schulze, Durs Grünbein, Rudolf Scholz und Michael Wüstefeld – gilt dem in der „Charta 2017“ verwandten Begriff der „Gesinnungsdiktatur“, dessen Verwendung sie im genannten Zusammenhang als „verbale Entgleisung“ kritisieren, da es ein Widerspruch sei, Demokratie und Toleranz einzufordern und zugleich Texte zu verteidigen, „welche die demokratische Grundordnung in Frage stellen (...) liberale, pluralistische Gesellschaftsentwürfe verachten oder rassistisch argumentieren.“

Solidarität mit den in Frankfurt bedrängten Verlagen ist das gerade nicht. Hinsichtlich der keineswegs nur spontanen Störaktionen gegen die Verleger Kubitschek und Elsässer zeigt sich der „Aufruf“ hingegen verständnisvoll und offenbart einen Freiheitsbegriff, der die Befürchtungen der Charta-Unterzeichner zu bestätigen scheint: „Die Freiheit, sich zu äußern, begründet kein Recht, sich unwidersprochen zu äußern. Denn ebenso gilt diese Freiheit für jene, die widersprechen.“ http://www.mdr.de/kultur/offener-brief-literaturhaus-dresden-zu-debatte-rechte-verlage-auf-der-buchmesse-100.html Dieser verdrehte Freiheitsbegriff soll also jenen Legitimität verleihen, die lautstark gegen die von ihnen beargwöhnten Verlagserzeugnisse protestieren.

Im Kern geht es in dem Konflikt um die Präsenz rechts von der Mitte positionierter Verlage im öffentlichen Raum, darum, inwieweit sich der linksliberal dominierte Kulturbetrieb unseres Landes bereit findet, auch vom gewohnten Mainstream abweichende Stimmen auszuhalten und als legitimen Teil des real vorhandenen Meinungsspektrums zu akzeptieren. Das mag manchem der Unterzeichner des „Aufrufs“ als Zumutung erscheinen; in einer lebendigen Demokratie samt Meinungsfreiheit, die ihren Namen auch verdient, gibt es zu dieser unbequemen Vielfalt jedoch keine Alternative.

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