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Trug der Einbruch eines Asylbewerbers zu ihrem Sinneswandel bei?

Antje Hermenau: Von der Ober-Grünen zur Pegida- und AfD-Versteherin

Dienstag, 21 Februar 2017 22:41 geschrieben von 
Antje Hermenau, ehemalige sächsische Grünen-Chefin Antje Hermenau, ehemalige sächsische Grünen-Chefin Quelle: SACHSEN DEPESCHE

Dresden – In den sozialen Netzwerken ergießt sich Häme über die frühere Grünen-Landeschefin Antje Hermenau, die am 21. August 2016 gegen 6 Uhr morgens Opfer eines Einbruchs wurde. Der Täter rüttelte am Fenster ihres Wohnhauses in der Dresdner Neustadt, während sie und ihr 10-jähriger Sohn noch im Bett lagen. Dann drang er in die Wohnung der alleinerziehenden Mutter ein und stahl unter anderem Schmuck und ein Portemonnaie mit 150 Euro Bargeld. Zwei Wochen später wurde der Täter Mohammed J., ein 25-jähriger abgelehnter Asylbewerber aus Tunesien, bei einem weiteren Einbruch auf frischer Tat ertappt.

Nun wurde Mohamed J. vor dem Amtsgericht Dresden der Prozess gemacht. Er ist noch in eine dritte Wohnung in der Neustadt eingebrochen und hat dort mehrere Laptops, Handys, eine Playstation und andere Gegenstände im Wert von 3.500 Euro erbeutet. Das Diebesgut habe er später gegen fünf Gramm Crystal und 60 Euro Bargeld eingetauscht, gab der Tunesier zu Protokoll.

Der Migrant lebt seit 2014 in Dresden und wurde bereits zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, weil er Drogen an Minderjährige verkauft hatte. Für die Einbrüche verurteilt ihn das Gericht zu weiteren zwei Jahren Haft. Der Verteidiger des Täters, Jürgen Saupe, beklagte, dass sein Mandant eigentlich eine Drogentherapie benötige. Nun werde er aber wohl noch vor Verbüßung seiner vier Jahre Gesamtfreiheitsstrafe abgeschoben.

Auftritt bei der AfD

Die Geschädigte Antje Hermenau geriet nach den ersten Presseberichten über den Prozess zur Zielscheibe vielfachen Spottes. „Das hat sie nicht anders verdient“, „Wer Willkommenskultur will, bekommt Kriminelle“, „Endlich trifft es mal die Richtige“ oder „Selbst schuld“ sind noch die harmlosesten Kommentare, die bei Facebook kursierten. Doch was viele nicht wissen: Hermenau sieht die Zuwanderungs- und Asylfrage inzwischen selbst wesentlich differenzierter als zu ihrer Zeit an der Spitze der Grünen. In ihrer 2015 veröffentlichten Streitschrift „Die Zukunft wird anders“ (Verlag Ch. Hille, Dresden) zeigt sie Verständnis für Pegida – und im September vergangenen Jahres trat sie sogar bei der AfD in Mittelsachsen auf. Zu ihrem Sinneswandel hatte möglicherweise auch der Einbruch gut einen Monat vorher beigetragen.

Bei ihrem Auftritt bei der AfD in Döbeln zeigte sich die 1964 geborene ehemalige Grünen-Chefin und Landtagsabgeordnete, die heute als selbständige Politikberaterin arbeitet, höchst selbstbewusst, obwohl sie nicht nur, wie man jetzt weiß, gerade einen Einbruch hinter sich hatte, sondern auch heftige Kritik von früheren politischen Weggefährten und sogar Drohungen wegen ihrer Buchlesung beim Stammtisch der AfD Mittelsachsen einstecken musste. SACHSEN DEPESCHE war damals mit einem Reporter vor Ort und beobachtete neben vielen anderen regionalen und überregionalen Medien die Veranstaltung.

Zwar betonte sie gleich zu Beginn ihrer Lesung, dass es ihr nicht um eine Fraternisierung mit der AfD gehe, sondern darum, miteinander im Gespräch zu bleiben, manche ihrer Aussagen in Döbeln, aber auch Passagen ihres Buches, deuten jedoch darauf hin, dass Hermenau zumindest vom gemäßigten Flügel der Petry-Partei politisch nicht mehr allzu weit entfernt ist.

„Die Zukunft wird anders“ (Verlag Ch. Hille, Dresden 2015)
„Die Zukunft wird anders“ (Verlag Ch. Hille, Dresden 2015)

 

„Die Zukunft wird anders“

In ihrem Buch „Die Zukunft wird anders“ schreibt Hermenau etwa, dass in der DDR „die typischen deutschen traditionellen Werte“ überlebt hätten: „Fleiß, Disziplin, Ordnung, Pflichtbewusstsein“. Die Machthaber hätten sich dies zunutze gemacht und gemäß ihrer Ideologie durch „Solidarität, Zusammenhalt und Selbstlosigkeit“ ergänzt. Diese „alte Wertesicht“ sei nach der Wende nicht abgelegt, sondern „mit der neuen gemixt“ worden: „Erfolg, Familie und Freunde.“ Wer dies hinbekomme, „ist eher ein zupackender Typ“, konstatiert die Autorin.

Diese Entschlossenheit, aber auch eine erlernte Protestkultur und die wesentlich stärker als bei ihren westdeutschen Landsleuten ausgeprägte Bereitschaft, gegen Ungerechtigkeit auch öffentlich das Wort zu erheben, hat nach Ansicht von Hermenau auch ein Phänomen wie Pegida ermöglicht. Sie will die Dresdner „Spaziergänger“ nicht in Bausch und Bogen verdammen, sondern zeigt vielmehr Verständnis für deren Anliegen, auch wenn sie die „zwielichtigen Anführer“ höchst fragwürdig findet. Dennoch: Die Anliegen der Demonstranten seien berechtigt, und man solle sich dafür hüten, sie „in die Nazi-Ecke abzuschieben“.

In dem Buch heißt es dazu: „Die Demütigungen, das Unverständnis, die Missverständnisse und die Beleidigungen zwischen Ossis und Wessis in den letzten 25 Jahren werden wir nicht mehr aufarbeiten können. Wir werden das einfach alles runterschlucken und emotional neu miteinander anfangen müssen. Dazu sind sehr viele im Osten bereit, wenn es denn wirklich darum ginge, gemeinsam an der Zukunft Deutschlands zu bauen, anstatt sich an einen Nachbau West zu klammern, der sich zunehmend als Umweg oder gar Sackgasse erweist.“

Ein solcher Schlussstrich „würde uns die Chance eröffnen, an Handlungsfähigkeit zu gewinnen und unser Schicksal wieder stärker selbst zu entscheiden“. Genau dies sei auch das Anliegen der Pegida-Demonstranten – „dass wir uns wieder engagiert um die Entwicklung unseres Landes kümmern, das Laisser-faire als falsch verstandene Toleranz beenden und weitere Feinziselierungen der Selbstentfaltung auf langweiligere Zeiten verschieben“.

Zustrom von Wirtschaftsflüchtlingen bremsen

Ein erster Schritt auf diesem Weg wäre laut Hermenau „die Einsicht, dass moralische Betroffenheit nicht mehr schwerer wiegen dürfen als der rationale Diskurs“. Auch während ihrer Lesung in Döbeln mahnte die frühere Landtagschefin der Grünen an, sich über 70 Jahre nach Kriegsende wieder im aufrechten Gang zu üben, die eigene Identität nicht länger unter den Scheffel zu stellen, sondern sich selbstbewusst dazu zu bekennen, gerade auch, um jenen Zuwanderern, die integrationswillig seien, ein gutes Beispiel geben zu können.

Es sei, so ein weiteres Zitat aus Hermenaus Buch, nicht der richtige Weg, „Migranten in Deutschland jede kulturelle Andersartigkeit mit seltsamer Heiligkeit ‚durchgehen‘ zu lassen“, nur weil man sich nicht den „schnellen Vorwurf“ einhandeln wolle, „ein Nazi“ zu sein. „Grundgesetz ist Grundgesetz und eben nicht Scharia, die genormtem Recht nicht gleichzusetzen ist, da sie ein Instrument zur Rechtsschöpfung darstellt“, so die Autorin. „Sie als parallele Rechtsprechung gelten zu lassen, ist bizarr. Die gesetzlichen Regeln des Gastlandes sind nicht irgendein Kleinkram, den man ignorieren kann. Unsere Geschichte, die schlimm war, ist keine Aufforderung an uns selbst, nun jedem kulturell bis zur Selbstaufgabe entgegenzukommen, der in Deutschland eintrifft.“

Gegenüber den Anhängern der AfD in Döbeln räumte sie freimütig ein, dass sie das Anliegen der Partei, den Zustrom von Wirtschaftsflüchtlingen zu bremsen und klare Regeln für eine begrenzte legale Zuwanderung aufzustellen, unterstütze, auch wenn sie mit der Kommunikation der ausländerpolitischen Forderungen bei der AfD manchmal Probleme habe.

Gemeinsamkeiten mit der AfD sehe sie, so Hermenau in Döbeln, auch bei der Frage nach Einführung von Volksabstimmungen auf allen Ebenen, Differenzen sehe sie mit Blick auf das ihrer Ansicht nach zu starre Familienbild der Partei. Für sie sei Familie dort verwirklicht, „wo Eltern und Kinder unter einem Dach leben“, unabhängig davon, ob es sich dabei um Eheleute, Patchwork-Familien oder auch homosexuelle Lebensgemeinschaften handle, erläuterte die alleinerziehende Mutter in Döbeln ihren Standpunkt. Einer siebenfachen Mutter im Publikum, die sich darüber beschwerte, dass ihre Leistungen als Hausfrau heutzutage nicht mehr die angemessene Würdigung erführen, entgegnete sie freundlich: „Ich werde Sie nicht Hausmuttchen nennen, wenn sie mich nicht als Karrierefrau diffamieren.“

Antje Hermenau im September 2016 bei der AfD in Döbeln
Antje Hermenau im September 2016 bei der AfD in Döbeln

 

Lücke im politischen Spektrum

Hermenau schreibt in ihrem Buch, sie vermisse in der heutigen politischen Landschaft die Position eines „aufgeklärten Konservatismus“. Diese Wurzel habe die CDU gekappt und dabei vergessen, dass sie eben „keine sozialdemokratische Partei“ sei, wie sie bei ihrem Vortrag in Döbeln ergänzte. In ihrem Buch bemängelt sie zudem, dass Identität in Deutschland „oft in Frage gestellt werde“, und dies in vielerlei Hinsicht, „ob politisch (z.B. durch politische Diffamierung einer konservativen Grundhaltung), kulturell (z.B. durch die bewusste Ablehnung der deutschen Kultur) oder privat (z.B. durch die steuerliche Bevorzugung von Alleinverdienerfamilien unabhängig von der Tatsache, ob Kinder in der Familie sind).“ Beim Auftritt vor der AfD Mittelsachsen mahnte sogar an, sich über 70 Jahre nach Kriegsende wieder im aufrechten Gang zu üben, die eigene Identität nicht länger unter den Scheffel zu stellen, sondern sich selbstbewusst dazu zu bekennen – gerade auch, um jenen Zuwanderern, die integrationswillig seien, ein gutes Beispiel geben zu können.

Diese Reflexionen über aktuelle Zeitfragen dürften den meisten Kommentatoren, die im Netz ihrer Schadenfreude und Häme ob des Einbruchs bei Hermenau freien Lauf ließen, vermutlich unbekannt sein, sonst hätten sie sich mit ihren spöttischen und nicht selten tief unter die Gürtellinie zielenden Bemerkungen wohl zurückgehalten. Sollte man zumindest hoffen. So oder so waren die Kommentare deplatziert.

Wer bei dem Wort „Grüne“, auch wenn ein „Ex“ davorsteht, gleich reflexartig in Hab-Acht-Stellung geht, zeigt mindestens so wenig Differenzierungsvermögen wie jene Teile der politischen Klasse und der Medien, die selbst bei der leisesten Kritik an der derzeitigen Migrationspolitik die „Nazi-Keule“ auspacken. Antje Hermenau kommt aus der DDR-Protestbewegung, setzte sich stets leidenschaftlich dafür ein, dass der „Bündnis90“-Aspekt in der Gesamtpartei nicht untergeht. Als ausgewiesene Finanzexpertin und Bürgerbewegte gehörte sie nie zu jenen Grünen-Kreisen, die sich mit „Veggie Day“, Gender-Extremismus und „No Borders, no Nations“ profilieren wollen. Im Grunde ist Antje Hermenau so etwas wie die sächsische Version von Boris Palmer – mit dem Unterschied, dass sie bereits 2015 die Konsequenzen gezogen hat und bei den Grünen ausgetreten ist.

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Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.sachsen-depesche.de/show/author/55-michael-krug.html
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