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Westen Wind (2)

BERexit

Dienstag, 18 Dezember 2018 18:14 geschrieben von  André Thiele
Das Drama (H. Daumier, 1860) Das Drama (H. Daumier, 1860) Quelle: Archiv B. Wawrzinek

Mainz - Die Romantik, also die Verdrängung des Denkens durch die Stimmung, ist bunt und fröhlich und immer unterhaltsam. Leider sind ihre Folgen dann grau, trist und langweilig. Zum Beispiel funktioniert nichts mehr.

Ob es um das Reparieren der Schlaglöcher in den Straßen geht, die Wissensvermittlung durch Lehrer, die Pünktlichkeit der Züge oder den Eröffnungstermin für einen unbedeutenden deutschen Regionalflughafen nahe einer unbedeutenden deutschen Mittelstadt namens Berlin - der Niedergang aller öffentlichen Angelegenheiten ist so eklatant, daß man Spenglers Versuch, die harmlose Angstvision seiner Zeit poetisch im Genre des Phantasyromans zu erfassen für eine überoptimistische Utopie halten mag.

Und es gibt keinen Ausweg. Wer in den Pragmatismus, also in die Technoromantik fliehen will, wird zwar die Sentimentalitäten los, nicht aber deren Folgen: Wer den Zug nicht pünktlich in den Bahnhof bekommt, soll von Künstlicher Intelligenz einfach mal die Klappe halten.

Und die innere Emigration, die Flucht ins Private? Die Scheidungs- und Selbstmordraten spiegeln hier den Stand der res publica grausam wider.

Der Ausgang des Politischen ist die Frage nach dem Maß für Richtig und Falsch. Diese Frage abgeschafft zu haben, ist das ewige Verdienst der Romantik, deren Oberfläche stets für den Inhalt genommen wird. Überall wird nur noch gewurschtelt, und die Auswahl besteht, wenn sie denn besteht, bloß in den Formen des Wurschtelns. Außerhalb dessen ist nichts mehr.

Wer hierin ein Sonderprogramm gegen Deutschland sehen will, hat die Lage nicht verstanden. Die Wohlfahrtsstaatsgewinnler von gestern beschweren sich in Frankreich derzeit lautstark darüber, daß ihnen neuerdings andere Bevölkerungsschichten bei der Steuerverschwendung vorgezogen werden. Niemand kann begründen, warum denn darin, daß die eine Ungerechtigkeit gegen die andere Ungerechtigkeit ausgetauscht wurde, eine Ungerechtigkeit liegen soll. Die Verbindung von Demokratie und Industriegesellschaft braucht den immer steigenden Staatskredit, um die materiellen Vorteile, die nicht erwirtschaftet, aber verteilt wurden, zu finanzieren. Das gilt ausnahmslos für jeden modernen Staat, und wer die nachholende Modernisierung Chinas da für eine Alternative hält, bloß weil die Demokratie dort autoritären Charakter hat und immer noch Kommunismus heißt, wird eine üble Überraschung erleben.

Großbritannien hat die innere Emigration der Privatleute auf die Staatsebene gehoben und versucht, eine Schweiz im Meer zu werden. Leider gibt es die Schweiz schon, und das Geschäftsmodell braucht 300 Jahre Vorlaufzeit und muß Deals mit Hitler und Stalin machen, um funktionieren zu können.

Wo der BER in einem unsere ganze Epoche charakterisierenden Chaos aus Inkompetenz und Korruption dahingammelt, treibt der britannische Flugzeugträger amerikanischer Interessen steuerlos auf See. Wer die Staatskunst auf ungeschminkte Interessenschlaubergerei reduziert, kann nicht einmal mehr austreten, ohne an die Grenzen seiner Handlungsfähigkeit zu stoßen. Und jeder weiß, daß das alles hohle Hoffnungen sind, die deutschen, französischen und englischen gleichermaßen, solange die grundlegenden Fragen nicht gestellt und beantwortet werden.

Der heitere Trubel mag uns unterhalten. Aber es wird zunehmend langweilig.


 

Der Schriftsteller André Thiele wurde 1968 in Hamburg geboren und lebt heute in Mainz. Weitere Informationen unter www.etiamsiomnes.de

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