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Befremden über die Entscheidung der Jury

DDR-Radsportlegende Täve Schur kommt nicht in die „Hall of Fame“

Dienstag, 02 Mai 2017 14:02 geschrieben von 
DDR-Radsportlegende Gustav-Adolf „Täve“ Schur (l.) und sein Kontrahent Jan Vesely (CSSR) bei der Friedensfahrt 1955 DDR-Radsportlegende Gustav-Adolf „Täve“ Schur (l.) und sein Kontrahent Jan Vesely (CSSR) bei der Friedensfahrt 1955 Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-30592-0002

Berlin/Magdeburg – Der frühere DDR-Radsportler Gustav-Adolf „Täve“ Schur ist von der Jury der „Hall of Fame“ der Deutschen Sporthilfe zum zweiten Mal abgelehnt worden. Der 86-Jährige war vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auf Vorschlag der Landessportbünde nominiert worden. Dies hatte zu teilweise heftigen Reaktionen geführt, da dem zweimaligen Rad-Weltmeister und ehemaligen Abgeordneten der Volkskammer sowie des Deutschen Bundestages von Kritikern vorgeworfen wird, das Doping in der ehemaligen DDR heruntergespielt und sich im Nachhinein zu distanzlos zum SED-Regime geäußert zu haben.

Schur wurde 1931 in Biederitz bei Magdeburg geboren. Seine Sportkarriere begann er mit 19 Jahren bei der BSG Einheit Magdeburg, seinen ersten großen Sieg feierte er 1951 beim Eintagesrennen „Rund um Berlin“, dem ältesten Rennen des deutschen Straßenradsports. Es folgten Siege bei der DDR-Rundfahrt und der DDR-Meisterschaft im Querfeldein sowie 1954 der erste Meistertitel auf der Straße. Als Fahrer des SC Wissenschaft DHfK Leipzig holte er bis 1961 weitere fünf Meistertitel im Straßen-Einzelrennen sowie zwei Gesamtsiege bei der DDR-Rundfahrt.

Seinen ersten internationalen Erfolg feierte Schur 1955 bei der Friedensfahrt, einem Etappenrennen von Prag über Ost-Berlin nach Warschau, wo er als erster Deutscher einen Sieg in der Gesamteinzelwertung erzielte. Der Sportler aus dem Jerichower Land wurde in seiner Laufbahn zwölfmal in die DDR-Equipe für die Friedensfahrt berufen und fuhr dabei zwei Gesamt- und neun Etappensiege ein. 1958 wurde Schur als erster Deutscher Weltmeister der Amateure auf der Straße, im Jahr darauf zum zweiten Mal, der Hattrick 1960 misslang, da er nach dem Überraschungssieger Bernhard Eckstein nur als Zweiter durchs Ziel fuhr.

Inzwischen war Schur zur Radfahrerlebende aufgestiegen und wurde zum achten Mal in Folge zum DDR-Sportler des Jahres gewählt. Dies nicht zuletzt, weil er als Mitglied der gesamtdeutschen Olympiamannschaft 1960 in Rom einer der Silbermedaillengewinner im Mannschaftszeitfahren war. Bereits 1956 hatte er an den Olympischen Spielen in Melbourne teilgenommen und trug mit dem fünften Rang im Einzelrennen maßgeblich zum Gewinn der Bronzemedaille in der Mannschaftswertung bei. Schur beendete 1964 im Alter von 33 Jahren seine die aktive Laufbahn und blieb bis 1973 Trainer.

Ohne Zweifel war Schur zu DDR-Zeiten ein politischer Mensch – und ist es auch nach der Wende geblieben. Von 1958 bis 1990 gehörte er der Volkskammer als Mitglied der SED an. Im Jahr 1998 zog er auf der Liste der PDS in den Deutschen Bundestag ein, dem er eine Legislaturperiode lang angehörte, bis heute ist er Mitglied der Linkspartei. In die Debatte um seine Nominierung für die „Hall of Fame“ griff der 86-Jährige unlängst mit einer Verteidigung des Sports im SED-Staat ein. „Der DDR-Sport war nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut“, so Schur gegenüber dem „Neuen Deutschland“. „Der Sport in der DDR war gut, weil er beispielhaft den Aufbau der Gesundheit vorantrieb und dabei auch noch international erfolgreich war.“ Er selbst habe nie gedopt, sagte er dem Blatt, zum Thema an sich wird er mit dem Satz zitiert: „Wir hatten in der DDR keine Dopingtoten, anders als im Westen.“

Zuletzt hatten sich in Sachsen sowohl die AfD als auch die Linkspartei für Täve Schur eingesetzt (https://www.sachsen-depesche.de/politik/linke-und-afd-wenden-sich-gegen-die-stigmatisierung-früherer-ddr-sportler.html). Der Berliner „Tagesspiegel“ machte in der Debatte um die Nominierung des früheren DDR-Sportlers folgenden Vorschlag: „Entweder hievt sie ihn mit einigen kritischen Bemerkungen doch noch hinein. Oder weist ihn abermals ab. Oder, und das wäre der anspruchsvollste Weg: Sie wandelt die Ruhmeshalle um in eine Halle der Sportgeschichte, die weniger Helden bejubelt als Persönlichkeiten in ihrer Zeit beleuchtet.“

Tatsächlich wäre es zu begrüßen, wenn bei der Frage der Aufnahme in die „Hall of Fame“ nicht die ideologische, sondern eine rein sportliche Messlatte angelegt würde. In den neuen Bundesländern, wo Schur – unabhängig von seinen politischen Ansichten – in der Bevölkerung hoch geachtet ist und man stolz auf eine Sport-Legende wie ihn ist, wurde die Debatte größtenteils mit Befremden aufgenommen. Eine ohne weiteres Nachtreten vollzogene Aufnahme des zweifachen Rad-Weltmeisters in die „Ruhmeshalle des deutschen Sports“ wäre ein wichtiges Zeichen dafür gewesen, dass die Einheit auch in diesem Bereich angekommen ist. Nun wurden erneut Gräben aufgerissen, die schon längst zugeschüttet waren.

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Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.sachsen-depesche.de/show/author/55-michael-krug.html
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