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6 Jahre Haft für Linda W.

Ein Mädel aus Sachsen

Samstag, 24 Februar 2018 23:50 geschrieben von 

Dresden - Zum Zeitpunkt ihrer Festnahme in Mossul war Linda W. 16 Jahre alt. Erschöpft und verstört wirkte sie, als die Soldaten der „Goldenen Brigade“, einer von den Amerikanern ausgebildeten irakischen Spezialeinheit, mit ihrer Gefangenen vor den Kameras posieren. Nachdem Linda zunächst für eine Jesidin gehalten wurde, die von den IS-Kämpfern versklavt worden war, bekannte die junge Frau jedoch, Deutsche zu sein. Ein Reporter des irakischen Fernsehens, der auch für hiesige Medien arbeitet, darf Linda später in einem Bagdader Militärhospital besuchen. Es ginge ihr gut, auch wenn sie sich bei einem Hubschrauberangriff eine Schußwunde am Bein und einen Splitter im Knie zugezogen habe. "Ich will nach Hause, zu meiner Familie", sagt Linda damals.

Dieses Zuhause liegt im sächsischen Pulsnitz in der Oberlausitz. In der idyllischen Kleinstadt lebte Linda bei ihrer Familie in einem Einfamilienhaus. Hier besuchte sie die 9. Klasse einer Realschule, gehörte zu den besten Schülern. Ihre Mutter beschreibt Linda als ruhiges und fröhliches Mädchen. Im Frühjahr 2016 beginnt sie sich für den Islam zu interessieren, schaut sich heimlich Propagandavideos des Islamischen Staates (IS) an. Nach der Eroberung von weiten Teilen des Iraks und Syriens zwei Jahre zuvor, hatte die Salafistenmiliz die Gründung eines Kalifats verkündet. Muslime in aller Welt waren aufgerufen, sich dem Kampf anzuschließen. Auch Linda steht im Internet mit IS-Anhängern in Verbindung. Eine Freundin bearbeitet sie zielgerichtet, zum Islam zu konvertieren. Von ihren zunächst ahnungslosen Eltern läßt sich Linda einen Koran schenken. Sie beginnt im Ramadan zu fasten, behauptet aber, lediglich eine „Diät“ zu absolvieren. Vor allem die Mitschüler registrieren, wie sich Lindas Leben verändert, die sich abkapselt, Arabisch lernt, Kopftuch und lange schwarze Gewänder trägt. Statt Pop gibt es nun orientalische Musik.

„Bin Sonntag gegen 16.00 Uhr wieder da“, hinterläßt Linda ihren Eltern eine letzte Botschaft, hingeworfen auf einen Notizzettel. Über die Türkei reist sie nach Syrien. Zuvor hatte sie per Telephon einen IS-Kämpfer „geheiratet“: Mohammed, ein aus Österreich stammender Tschetschene. Als dessen Ehefrau lebt Linda nun in Rakka, der inoffiziellen Hauptstadt des Islamischen Staates. Schon nach kurzer Zeit stirbt Lindas Mann durch eine Bombe, die junge Witwe wird in der irakischen Islamistenhochburg Mossul in einem Frauenhaus untergebracht. Dort erlebt Linda bis zum Juli 2017 das Dauerbombardement der internationalen Allianz und die verbissene Gegenwehr der Dschihadisten. Einmal meldet sie sich bei ihrer Schwester Miriam. Nach der Verhaftung gab die die junge Frau an, niemals eine Waffe auch nur berührt und sich lediglich um den Haushalt und die Kinder anderer Frauen gekümmert zu haben. Sie bereue Ihren Entschluß, zum IS zu gehen und hoffe, nach Deutschland ausgeliefert zu werden. Auch wenn unterdes die Behörden gegen Linda ermittelten, war die Pulsnitzer Familie vor allem eines: glücklich, daß Linda lebt.

190 Frauen sollen einst aus Deutschland zum Islamischen Staat gegangen sein, ein Teil davon ist bereits wieder zurückgekehrt. Die meisten bleiben unbehelligt, da sie keine aktiven Kämpferinnen waren. Die Bundesanwaltschaft will das künftig ändern. Schon der bloße Aufenthalt beim IS soll als Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung unter Strafe gestellt werden. Im Februar 2018 wurde Linda von einem irakischen Jugendgericht zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt (fünf Jahre Haft für die Zugehörigkeit zum Islamischen Staat, ein weiteres Jahr für die illegale Einreise). Vielleicht hätte es noch schlimmer kommen können. Die Reaktionen auf Lindas Verurteilung fallen erwartungsgemäß zwiespältig aus. Unübersehbar sind Häme und Genugtuung, Motto: Selbst schuld! Doch greift jene Selbstgerechtigkeit nicht zu kurz, und kann man überhaupt in diesem Fall von der „Schuld“ eines 16jährigen Mädchens sprechen?

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im September 2015 die Grenzen öffnete, kamen allein in besagtem Jahr 890 000 Asylsuchende nach Deutschland, ein Gutteil Muslime. Der Islam aber ist seitdem innen- wie außenpolitisch das beherrschende Thema. Was immer auch Linda vom sächsischen Pulsnitz zum Islamischen Staat gebracht haben mag, man kann dem Mädchen schlecht zum Vorwurf machen, sich mit dem Phänomen Islam auseinandergesetzt zu haben. Fragen sollten wir hingegen, wieso die Bindungskräfte eigener kultureller Überlieferung so schwach scheinen, daß junge Leute wie Linda sie auf der Suche nach einem neuen Leben einfach abschütteln und dabei den Islamisten auf den Leim gehen. Doch anstatt eine Minderjährige jetzt für Jahre in ein irakisches Gefängnis zu stecken, sollte man Linda die Chance geben, ihre Strafe in Deutschland verbüßen zu können, dort, wo sie hingehört, ihre Familie lebt. Dafür braucht es unsere Solidarität und politische Unterstützung - aus Sachsen und Berlin!

Letzte Änderung am Montag, 26 Februar 2018 23:51
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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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