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Kritischer Umgang mit DDR-Vergangenheit gab offenbar den Ausschlag

Heike Drechsler zieht in die „Ruhmeshalle des deutschen Sports“ ein

Dienstag, 02 Mai 2017 14:26 geschrieben von 
Die frühere Leichtathletin und Olympiasiegerin Heike Drechsler (2015) Die frühere Leichtathletin und Olympiasiegerin Heike Drechsler (2015) Quelle: wikimedia.org | 9EkieraM1 |  CC BY-SA 3.0

Berlin/Gera – Die frühere Leichtathletin und zweifache Olympiasiegerin Heike Drechsler ist in die „Hall of Fame“ der Deutschen Sporthilfe aufgenommen worden. Anders als beim ehemaligen Radrennfahrer Gustav-Adolf „Täve“ Schur, dem zum wiederholten Male wegen seiner Äußerungen zum DDR-Doping und zu seiner Rolle im SED-Regime die Aufnahme in die „Ruhmeshalle des deutschen Sports“ verweigert wurde, gab es bei Drechsler, deren Nominierung ebenfalls in die Kritik geriet, am Ende eine deutliche Stimmenmehrheit in der Jury für eine Aufnahme in die „Hall of Fame“. Neben der Thüringerin sind auch der Skispringer Sven Hannawald, der nordische Kombinierer Franz Keller und Fußball-Nationalspieler Lothar Matthäus in die „Ruhmeshalle“ eingezogen.

Die sportlichen Erfolge von Drechsler rechtfertigen die Ehrung auf jeden Fall – sie hätten zweifelsohne auch eine Aufnahme von Schur in die „Hall of Fame“ gerechtfertigt. Was einige an den beiden Sportlern stört, ist ihre Nähe zum damaligen SED-Regime, die allerdings bei DDR-Sportlern nicht ungewöhnlich war – so wie sich in der „Hall of Fame“ auch einige Sportler finden, die sich zu Zeiten des Nationalsozialismus von den Machthabern feiern ließen oder vom Regime profitierten. Ein Beispiel dafür ist der Dressurreiter und spätere Versandhandelsunternehmer Josef Neckermann.

Heike Drechsler wurde 1964 im thüringischen Gera geboren und begann ihre sportliche Laufbahn bei der BSG Wismut Gera. Später wechselte sie zum SC Motor Jena. 1983 wurde sie als Mitglied der DDR-Mannschaft in Helsinki zum ersten Mal Weltmeisterin im Weitsprung, 1992, nun im Kader der BRD, holte sie in Barcelona ihr erstes, im Jahr 2000 in Sydney ihr zweites Olympia-Gold. Erfolge feierte die ausgebildete Feinmechanikerin und Pädagogin auch im Sprint. So gewann sie bei den Europameisterschaften 1986 Gold im 200-Meter-Lauf, bei den Weltmeisterschaften 1987 Silber über 100 Meter, bei den Olympischen Spielen 1988 Bronze über 100 und 200 Meter und bei den Europameisterschaften 1990 Silber über 200 Meter. Außerdem trat sie im Siebenkampf an und erzielte in dieser Disziplin 1994 beim Leichtathletik-Meeting im französischen Talence mit 6741 Punkten Weltjahresbestleistung.

Im Jahr 1986 als DDR-Sportlerin des Jahres und zehn Jahre nach der Wende im Jahr 2000 als Sportlerin des Jahres in der Bundesrepublik ausgezeichnet, wollte Drechsler, die Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt Gera ist, ihre Karriere eigentlich mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2004 in Athen beenden. Ein Formtief in der Qualifikation zwang sie jedoch dazu, ihre Teilnahme zurückzuziehen. So trat sie am 12. September 2004 zum letzten Mal beim Internationalen Stadionfest (ISTAF) in Berlin als aktive Sportlerin an und wurde von über 60.000 Zuschauern mit großem Beifall verabschiedet. Heute lebt die 52-Jährige in Berlin und ist bei einer Krankenkasse im betrieblichen Gesundheitsmanagement beschäftigt. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 2018 in Berlin möchte sie erstmals als Kampfrichterin auftreten und absolviert dazu gerade einen entsprechenden Lehrgang.

Neben ihrer früheren SED- und Volkskammer-Mitgliedschaft sah sich Drechsler Doping-Vorwürfen ausgesetzt, die allerdings nie bewiesen werden konnte. Außerdem soll die ehemalige Top-Leichtathletin „Informelle Mitarbeiterin“ (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen sein. Das Magazin „Focus“ berichtete dazu 1993 unter Berufung auf entsprechende Akten: „Mit Westgeld wurde Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler, 28, aus Jena für bereitwillige Stasi-Spitzeldienste belohnt. (…) Wie intensiv Heike Drechsler mit ihrem Stasi-Führungsoffizier zusammenarbeitete, belegen einige Geschenke. So erhielt ‚Jump‘ [Heike Drechslers Tarnname; Anm. d. Verf.] von Major Bergner zum Beispiel einen Ring mit Zuchtperle und Brillanten (1157 Mark). Heike Drechsler traf Bergner häufig, wenn Ehemann Andreas, Fußballer beim FC Carl-Zeiss Jena, auswärts spielte.“

In einem Interview mit der „Welt“ aus dem Jahr 2007 sagte sie dazu: „Manches ist mir erst bewusst geworden, als ich andere Geschichten gehört habe, wie andere das System erlebt hatten. Ich als Sportlerin war ja privilegiert. Eine Freundin hat mir sehr geholfen, die hatte eine ganz andere Geschichte und dementsprechend auch eine ganz andere Sichtweise. Aus ihrer Familie musste jemand wegen versuchter Republikflucht ins Gefängnis. Erst Jahre nach der Wende habe ich richtig begriffen, wie die Stasi gearbeitet hat, wie die Leute bespitzelt wurden. Als ich mitten im System war, habe ich das nicht erkannt. Ich bewundere die Leute, die in diesem System gegen das System gearbeitet haben.“

Vorgeschlagen für die „Hall of Fame“ wurde Drechsler neben 21 weiteren Athleten von Vertretern der Deutsche Sporthilfe, des Deutschen Olympischen Sportbundes und des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Laut Statuten ist die „Ruhmeshalle des deutschen Sports“ eine virtuelle Stätte „der Erinnerung an Menschen, die durch ihren Erfolg im Wettkampf oder durch ihren Einsatz für Sport und Gesellschaft Geschichte geschrieben haben. Dazu gehören Athleten und Trainer ebenso wie Funktionäre und Gestalter“.

Aufgenommen wurden bisher unter anderem der Tennisspieler Gottfried von Cramm, der Ringer Werner Seelenbinder, die Fußball-Legenden Fritz Walter, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer und Sepp Maier, Boxprofi Henry Maske, die Skifahrerin Rosi Mittermaier, die Kanutin Birgit Fischer, Rallyefahrer Walter Röhrl, Formel-1-Pilot Michael Schumacher und Fechterin Cornelia Hanisch, aber auch ein Sportreporter wie Harry Valérien.

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Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.sachsen-depesche.de/show/author/55-michael-krug.html
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