Login

sachsen-depesche.de

Freigegeben in Politik

„Hall of Fame“-Debatte um Heike Drechsler und Täve Schur

Linke und AfD wenden sich gegen die Stigmatisierung früherer DDR-Sportler

Freitag, 21 April 2017 22:34 geschrieben von 
Heike Drechsler |  Gustav-Adolf „Täve“ Schur Heike Drechsler | Gustav-Adolf „Täve“ Schur

Dresden – Die Linke und die AfD haben nicht viele Gemeinsamkeiten. In der Frage der Ehrung früherer DDR-Sportler scheint zwischen den ansonsten grundverschiedenen politischen Lagern jedoch ausnahmsweise Einigkeit zu herrschen. In der Debatte um die Aufnahme der ehemaligen Leichtathletin Heike Drechsler und des früheren Radrennfahrers Gustav-Adolf „Täve“ Schur in die „Hall of Fame“ der Deutschen Sporthilfe haben sich Vertreter beider Landtagsfraktionen in Sachsen nun auf die Seite der bekannten Sportgrößen geschlagen.

Die Deutsche Sporthilfe, der Deutsche Olympische Sportbund und der Verband Deutscher Sportjournalisten haben Drechsler und Schur für die „Ruhmeshalle“ des deutschen Sports vorgeschlagen. Beide gehörten der SED und der DDR-Volkskammer an – und beiden wird angebliches Doping vorgeworfen, was jedoch nie bewiesen werden konnte. Drechsler soll zudem „Informelle Mitarbeiterin“ (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen sein. Diese Punkte führen Kritiker gegen die Nominierung der beiden DDR-Athleten ins Feld.

Für eine rechtskonservative Politikerin erstaunliche Worte kamen von der sportpolitischen Sprecherin der AfD-Landtagsfraktion, Andrea Kersten, die dazu am Donnerstag mitteilte: „Die DDR schloss mit der BRD 1972 den Grundlagenvertrag, der die gegenseitige Anerkennung beider Staaten regelte. Damit akzeptierte die Bundesrepublik ihr Nachbarland als eigenständigen Staat mit all seinen Strukturen. Nun also zwei Sportgrößen die Mitgliedschaft im Parlament der DDR und der dominierenden Partei, der SED, vorzuwerfen, grenzt an Heuchelei. Denn noch vor rund 10 Jahren war es kein Problem für die ‚Ruhmeshalle‘, fünf ehemalige Sportler aufzunehmen, die in der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied in der NSDAP waren.“

Eine Vorverurteilung der früheren DDR-Sportler wegen Dopings sei ebenso wenig statthaft. „Solange keine eindeutigen Beweise vorliegen, muss die voreilige Stigmatisierung der beiden Sportler als diktaturhörige Nutznießer und unfaire Wettkämpfer aufhören“, forderte Kersten. Zu den Stasi-Vorwürfen gegen Drechsler schwieg die AfD-Politikerin.

Verena Meiwald, sportpolitische Sprecherin der Linksfraktion, konzentrierte sich in ihrer Stellungnahme vom Freitag auf Täve Schur, der Mitglied der Linken ist. Dass dieser nominiert wurde, sei „ein Zeichen dafür, dass die deutsche Einheit allmählich auch in der ‚Hall of Fame‘ ankommt“. Genau dort gehöre Schur als „populärster Sportler der DDR und internationales Radsport-Idol“ hin. „Dies ist auch die Anerkennung einer herausragenden ostdeutschen Lebensleistung. Täve ist darüber hinaus unbestritten eine integre Persönlichkeit, deren persönliche Einstellung zu Solidarität und Leistung vielen Menschen bis heute ein Vorbild ist“, erklärte die Linke-Politikerin.

Schur sei, so Meiwald, „immer ein politischer Mensch gewesen, nicht aus Opportunismus, sondern aus Überzeugung“. Ihn für die Verfehlungen des DDR-Sports in Haftung zu nehmen, sei unfair. „Es spricht ja gerade für seine Aufrichtigkeit, dass er es sich jetzt nicht mit gefälligen Bemerkungen einfach macht.“ Wolle man eine in alle Richtungen politisch unbedenkliche „Hall of Fame“, müsse man manchen dort wieder herausnehmen, so die Linke-Abgeordnete in Anspielung auf ehemalige NS-Sportgrößen.

Wie man auch immer zu den politischen Verwicklungen Drechslers und Schurs stehen mag – aus den lagerübergreifenden Solidaritätsadressen wird ein allgemein vorhandener Wunsch nach einem Schlussstrich unter die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit deutlich. Diese Haltung ist im Osten weit verbreitet, während die Kritiker an der Nominierung Schurs und Drechslers größtenteils aus dem Westen kommen. Eine Aufnahme der beiden Ex-DDR-Sportler in die „Hall of Fame“ könnte einen Präzedenzfall schaffen, der zu einer Versöhnung mit der eigenen Geschichte beiträgt.

Artikel bewerten
(6 Stimmen)
Michael Krug

Michael Krug (Jahrgang 1974) kam vor Jahren aus dem norddeutschen Hamburg nach Sachsen.

Seine alte und seine neue Heimat verbindet die Elbe. Heute pendelt er zwischen Dresden und Frankfurt am Main. Ursprünglich aus der volkswirtschaftlichen Richtung kommend, entwickelte sich der studierte Journalist zu einem Vollblutberichterstatter aus Politik, Medien, Lifestyle, Kultur und Wirtschaft. Seit Mai 2016 gehört er unserer Redaktion an.

Webseite: https://www.sachsen-depesche.de/show/author/55-michael-krug.html
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten

TEAM