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Aus der Landeshauptstadt

5 Tage „Trojanisches Pferd“ in Dresden

Montag, 16 April 2018 14:55 geschrieben von 
"Kunst ist frei" - das Trojanische Pferd in Dresden "Kunst ist frei" - das Trojanische Pferd in Dresden Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden - Eine Idee, 28 Dresdner, 6 Wochen Bauzeit; 500 Kilo schwer und 5 Meter hoch – das ist das „Trojanische Pferd“ des Vereins „Pro Mitsprache e. V.“ um den Hausmeister und Politaktivisten Rene Jahn. Vom Freitag (13.4.) bis zum Montag (16.4.) reckte sich die Styropor-Monumentalplastik vor dem Kulturpalast gen Himmel, avancierte in jenen Tagen, so die Veranstalter, zum „Gesprächsthema Nr. 1“ in der Landeshauptstadt. Der Mythos des hölzernen Pferdes, mit dem die antiken Griechen, in einer Kriegslist und gegen den Rat von Kassandra und Laokoon, die Trojaner bezwangen, schien den Initiatoren eine bildhafte Parallele zu einer als „besorgniserregend“ empfundenen Gegenwart. König Priamos habe die Trojaner („Wir wollen das nicht!“) einst ungehört übergangen, sich für das „Geschenk“ entschieden und damit den Untergang Trojas heraufbeschworen. Im Gegensatz zur Sage verlangten die Bürger heute jedoch, mitzubestimmen und einer Entwicklung entgegentreten, die, so die Botschaft auf einem Handzettel, „unser Land, unsere Tradition und unsere Kultur“ zu zerstören drohe.

Mehr als 500 Dresdner waren trotz Dauerregen zur Eröffnung gekommen und fanden sich bald von einer illustren Rednerschaar entschädigt. U. a. sprachen die Bürgerrechtlerin Angelika Barbe, Mitbegründerin der DDR-SPD; Gritt Kutscher, Rechtsanwältin und Richterin aus Meißen und der Psychonanalytiker Hans-Joachim Maaz, dessen „Gefühlsstau“ nach 1990 deutsch-deutsche Furore machte. Unangefochtener Publikumsliebling aber wurde Andreas Hofmann alias DJ Happy Vibes, ein stadtbekannter Rundfunkmoderator, der nach 20 Jahren bei Radio Dresden aus politischen Gründen geschaßt worden war und nun vor dem „Kulti“ mit einem temperamentvollen Vortrag begeisterte. Aus allen Reden aber sprach die Sorge um Demokratie und Rechtsstaat, der Wunsch nach gesicherten Grenzen, und gerade bei den Wendeveteranen Barbe und Maaz waren die eindringlichen Parallelen zur Endphase der DDR unüberhörbar.

„Genau wie ‘89 versucht eine gewaltlose Kunstaktion heute eine offene gesellschaftliche Debatte - ohne Diffamierung Andersdenkender - anzustoßen und damit diese Tradition wiederzubeleben“, würdigte Barbe das Anliegen der Initiatoren. Die Männer und Frauen aber haben fünf aufreibende Tage hinter sich, denn schließlich mußte das Riesenpferd auch rund um die Uhr im 6-Stunden-Takt bewacht werden. Alles kein Problem, schließlich betrage die Zustimmung der Bevölkerung 90 %, weiß Rene Jahn am Sonntagabend mit zufriedenem Lächeln. Und das sei erst der Anfang. In welcher Stadt das „Reisepferd“, so die Konzeption, bald neue Kreise ziehen wird, ist derzeit noch nicht sicher. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die dem Dresdner Kunstprojekt und Pro Mitsprache e. V. dabei zuteilwerden könnte, dagegen schon.

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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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