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Handel und Wandel in der Landeshauptstadt

Auf dem Dresdner Elbeflohmarkt

Sonntag, 21 August 2016 16:23 geschrieben von 
Blick auf den Elbeflohmarkt in Dresden Blick auf den Elbeflohmarkt in Dresden Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden – Kontinuität zahlt sich aus. Seit gefühlten 25 Jahren veranstaltet die Hamburger Firma Melan in Dresden-Johannstadt den Elbeflohmarkt. Sommers wie winters wird in den frühen Morgenstunden eines jeden Sonnabends unterhalb der Albertbrücke ein farbenfreudiges Paralleluniversum errichtet. Auf einer Länge von vielleicht 400 Metern bauen gut 300 Trödelhändler (zu Spitzenzeiten waren es schon 600) ihre Verkaufsstände direkt neben den Elbwiesen auf.

Bald strömt das Publikum herbei, zunächst die örtlichen Händler. Auf der Suche nach Gelegenheiten, frische Ware günstig zu ergattern, huschen sie unstet von Stand zu Stand, greifen blitzschnell nach dem Erhofften oder verziehen missmutig das Gesicht, wenn sich in einer verheißungsvollen Kiste wenig Brauchbares entdecken lässt. Nicht minder ambitioniert: die Spezies der Sammler, deren Sehnsucht wertvollen Büchern, seltenen Vinylplatten, alten Uhren, historischem Spielzeug, Emailschildern oder technischen Kuriositäten gilt. In kleinen Grüppchen stehen sie dann kaffeetrinkend beisammen, denn erst die fachmännischen Gespräche unter Gleichgestimmten sorgen für die rechte Stimmung.

Rechts an der Sandsteinmauer unterhalb der Straße stehen seit Jahr und Tag, von grünen Planen überdacht, in Spitzwegscher Manier – die Philatelisten. Den Oberkörper schräg über den Tisch geschoben, betrachten die Vertreter einer in die Jahre gekommenen Zunft mit unendlicher Geduld die rundum gezackten Kostbarkeiten. 2012 berichtete die Presse von einem Dresdner Rentner, der inmitten eines Zwei-Kilo-Postens Briefmarken, den seine Freundin für wenig Geld auf dem Elbflohmarkt erstanden hatte, eine seltene One-Cent-Marke aus dem Jahr 1861 fand. Die Benjamin Franklin zeigende Prägung soll weltweit in nur zwei Exemplaren erhalten und angeblich 2,5 Millionen Euro wert gewesen sein.

Hinter einem Klamottenständer dehnt sich ein junger Mann. Heinrich Harrers wegen fühle ich stets ein instinktives Verlangen, sobald ich etwas vermeintlich Tibetisches zu entdecken glaube. Die leuchtendblaue Wolljacke mit den inspirierenden Ornamenten sei aus Indien, höre ich und pariere, dass es gewiss nicht leicht sei, sich von dieser außergewöhnlichen Garderobe zu trennen. Er sei mit seinem Mann zusammengezogen, erklärt mein Verkäufer freundlich, deshalb ginge es. „Mit Ihrem Mann?“ wiederhole ich gedehnt, augenblicklich begreifend, dass die Welt auch hier unten ein ganzes Stück bunter geworden ist.

An die Endlichkeit allen Seins gemahnen viele Dutzend Meter aneinander gereihter Bananenkartons, darin jedes Teil einen Euro oder zwei. Hier finden sich ganze Hausstände wieder, die eben noch, peinlich geordnet, ihren Platz in den Schrankwänden der beigen Generation behauptet haben. Die Fotoalben muss man einmal zur Hand nehmen, nicht selten finden sich ganze Lebenswege dokumentiert. Nach einem Aufbruch voller Jugend und Hoffnung in der Nachkriegszeit folgen berufliche und familiäre Ereignisse, Fotos von den Kindern und später Enkeln; jenen vielleicht, die all die Hinterlassenschaft kalt verschmähten und den „Beräumern“ überantworteten. Wer alle Illusionen über den Zusammenhalt der Generationen verlieren will, sollte sich mit den Damen und Herren dieser Branche einmal austauschen…

Es ist ein buntes Völkchen, das hier allwöchentlich zusammenströmt, getrieben von Neugier und dem gemeinsamen Begehren, an einem Sonnabendmorgen den ganz besonderen Fund zu machen. Irgendwann wird es zur Sucht und bleibt, mit der Stadtsilhouette im Rücken, vielleicht die charmanteste Form, alles andere oberhalb der alten Sandsteintreppe – und für ein paar Stunden gänzlich hinter sich zu lassen.


Elbeflohmarkt Dresden: Jeden Sonnabend ab 07:00 Uhr, Johannstadt, Straßenbahnhaltestelle Sachsenplatz. Weitere Informationen: http://www.melan.de/go/standort-detail/54-flohmarkt-troedelmarkt-in-dresden-elbeflohmarkt-samstagsmarkt.html

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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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