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Von den Anfängen bis zum Ende des II. Weltkrieges (1901-1945)

Dresdens Neustädter Bahnhof und sein Vorplatz (Teil I)

Samstag, 30 Dezember 2017 23:28 geschrieben von 
Bahnhof Dresden-Neustadt 1915 Bahnhof Dresden-Neustadt 1915 Quelle: Archiv Bert Wawrzinek

Dresden – Wenn Bahnhöfe erzählen könnten! Nirgendwo sonst in einer Stadt wurden und werden Millionen Menschen aus allen Himmelsrichtungen für einen Augenblick zu Schicksalsgefährten. Niemand kann und will auf sie verzichten, die prunkvollen Paläste aus Stein und Stahl, die Heimat und Ferne durch ein Schienennetz miteinander verbinden. Nicht zuletzt waren jene Knotenpunkte des Verkehrs stets auch Brennpunkte der Geschichte und Ausdruck kulturellen Wandels, dem jede Generation ihr ureigenstes Gepräge verlieh.

In der Leipziger Vorstadt, vor dem Neustädter Bahnhof, liegt der Schlesische Platz. Der Name erinnert an den früheren Schlesischen Bahnhof, Ausgangspunkt der Strecke Dresden-Görlitz, welche ab 1847 von der „Sächsisch-Schlesischen Eisenbahngesellschaft“ betrieben wurde. An dessen Stelle war 1898 bis 1901 - unter Einbeziehung der Leipzig-Dresdner-Eisenbahn - der moderne Personenbahnhof Dresden-Neustadt als dreischiffiger Hallenbau mit acht Gleisen entstanden.

Das von Otto Peters und Osmar Dürichen meist in Sandstein errichtete Bauwerk vereint klassizistische und Jugendstil-Elemente. Die Herstellungskosten betrugen seinerzeit 4,1 Millionen Reichsmark. Nach dem Hauptbahnhof ist der „Neustädter“ Dresdens zweitgrößter Bahnhof. Im Eisenbahnknoten Dresden verknüpft er die vom Hauptbahnhof kommende Linie Decin (Tetschen)-Dresden (Neustadt) mit den Strecken nach Leipzig und Görlitz, die den Verkehr in Richtung Leipzig, Berlin sowie die Oberlausitz aufnehmen.

Selbst ein Luxuszug verkehrte zeitweise (1916-1918) über Dresden-Neustadt: Der Balkanzug Berlin-Konstantinopel, ein D-Zug (als Ersatz für den während des Ersten Weltkrieges eingestellten Orient-Express),der Mitteleuropa und die Balkanhalbinsel miteinander verband. Ein katastrophales Zugunglück, bei dem 18 Menschen starben, ereignete sich am 22. September 1918 vor der Einfahrt in den Bahnhof.

Bis zum Ende der Monarchie befanden sich im Nordost-Flügel des 177 Meter langen Empfangsgebäudes Gemächer für das sächsische Königshaus. Von 1923 bis 1945 kamen darin die Bestände des Sächsischen Eisenbahnmuseums unter, Teile davon werden heute im Dresdner Verkehrsmuseum gezeigt. Der Bahnhofsvorplatz wird seit 1913 als „Schlesischer Platz“ bezeichnet. In der DDR (1962) nach dem kommunistischen Schriftsteller und Arzt Friedrich Wolf (1888-1953) benannt, erhielt das Areal 1991 seinen ursprünglichen Namen zurück.

Einen besonders guten Ruf genossen die durch zwei Generationen der Gastronomenfamilie Hoppe betriebenen Bahnhofsgaststätten (1910-1949), namentlich der „Hoppe-Keller“, der sich von einer Wärmestube für Droschkenkutscher zum Restaurant mit Kultstatus entwickelte, wo Künstler und Prominente wie Patty Frank, Luis Trenker, Graf Seebach und Hans Moser gern einkehrten. Im Gegensatz zur primitiven Fast-Food-Gastronomie der Gegenwart bestand die Bahnhofsrestauration Dresden-Neustadt von Anbeginn aus mehreren bewirtschafteten Wartesälen, einem „Damenzimmer“, dem Speisesaal und einem Raum für spezielle Anlässe. Der eilige Gast nutzte Kioske in der Bahnhofshalle.

Eine besondere gastronomische Herausforderung war die heute vergessene Bahnsteigversorgung. Während der Abstimmung der Oberschlesier (1921) wurden tausende Stimmberechtigte beim Halt in Dresden-Neustadt verpflegt. Nach 1933 mußten die Insassen von in Dresden eingesetzten KdF-Zügen und Sonderzügen zu den NS-Großveranstaltungen versorgt werden. Allein bei der Rückreise vom Breslauer Sängertreffen 1937 wurden an einem Tag 30.000 Teilnehmer in sechzig Sonderzügen durch die Neustädter Bahnhofswirtschaft beköstigt.

Während des Zweiten Weltkriegs kamen Militär-, Gefangenen-, Zwangsarbeiter- und Flüchtlingstransporte sowie Lazarettzüge hinzu. Im Oktober 1944 passierten täglich durchschnittlich 28 Militärzüge den Bahnhof, die rund 19.600 Wehrmachtsangehörige beförderten. Gegen Endes des Krieges wurde der Gepäcktunnel als Luftschutzraum für Zivilisten und Soldaten genutzt. Beim Bombenangriff vom 13. Februar 1945 war der Bahnhof intakt geblieben und wurde zeitweise zum wichtigsten Personenbahnhof Dresdens. Erst am 17. April erlitt die Anlage schwere Zerstörungen im Bereich der nordöstlichen Ausfahrt. Der Bahnbetrieb aber ging weiter.

 

Fortsetzung folgt...

Letzte Änderung am Dienstag, 02 Januar 2018 05:48
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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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