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Vom Kriegsende bis in die Gegenwart (1945-2017)

Dresdens Neustädter Bahnhof und sein Vorplatz (Teil II)

Sonntag, 31 Dezember 2017 21:15 geschrieben von 
Bahnhof Dresden-Neustadt 2017 Bahnhof Dresden-Neustadt 2017 Quelle: Bert Wawrzinek

(Fortsetzung von: Dresdens Neustädter Bahnhof und sein Vorplatz (Teil I) )

Dresden - Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auf dem Bahnhofsgelände die Reparationsgüter für die Sowjetunion verladen. Überlebenswichtige „Hamsterfahrten“ begannen oder endeten am Schlesischen Platz, wo auch der Schwarzmarkt blühte. Die Bahnhofsgaststätte wurde Heeresverpflegungsstelle der Roten Armee, welche in den früheren Bahnhofstoiletten eine eigene Wartehalle einrichtete. 1953 entstand hier (bis 1968) das Zeitkino, wo rund um die Uhr Werbe- und Unterhaltungsfilme und der „DEFA-Augenzeuge“ (die DDR-Wochenschau) liefen. Beim Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 versammelte sich vor dem Bahnhof eine Menschenmenge, um gegen die SED-Herrschaft zu protestieren.

Der elektrische Bahnbetrieb begann im September 1969. 1973 startete der Autoreisezugverkehr, blieb der Neustädter Bahnhof die einzige Verladestation in der ganzen DDR. Der Städteexpreß „Elbflorenz“ nach Berlin hielt ab Mai 1977 in Dresden-Neustadt, später (1985) auch der „Berlin-Expreß“. Eine umfangreiche Sanierung erfuhr das Empfangsgebäude 1971, mit neuer Ausstattung öffnete der „Saxonia-Keller“ (bis dahin „Mitropa-Keller") als schickes Bahnhofsrestaurant. Zum 150-jährigen Jubiläum der ersten deutschen Ferneisenbahn zwischen Leipzig und Dresden (1989) wurde die Empfangshalle renoviert.

Saniert wurde auch zum 100. Bahnhofsgeburtstag 2001, da waren Mauerfall und Wiedervereinigung schon Geschichte. Die Empfangshalle bekam ein lichtdurchlässiges Dach, dazu die wiederentdeckte Jugendstil-Ausmalung der Entstehungszeit. Neues Glas ziert seitdem auch das Dach der Bahnsteighalle. Für eine Innenwand schuf die Porzellanmanufaktur Meißen ihr (nach dem berühmten „Fürstenzug“) zweitgrößtes Wandbild: Auf 900 Fliesen und 90 Quadratmetern werden nach Entwürfen von Horst Brettschneider und Heinz Werner in beeindruckender Form Sachsens schönste Schlösser und Burgen gezeigt. Mit der neuen Zeit verkehrten auf den Gleisen des Neustädter Bahnhofs auch Intercity-, ICE- und Interregio-Züge, wurden nicht nur die Stellwerker allmählich durch Elektronik ersetzt - und gebaut wurde eigentlich immer.

Das Bahnhofsinnere ist gleichsam ein Abbild unserer Zeit. Aus einem Wartesaal wurde ein LIDL-Markt, der sich wegen seiner praktischen Öffnungszeiten einiger Beliebtheit erfreut. Daneben wirbt ein amerikanisches Fast-Food-Restaurant um Kunden, gibt es Fahrkartenschalter, Geschäfte, Schnell-Imbisse, eine Bäckereifiliale, einen Drogeriemarkt und nicht zuletzt einen gemütlichen Bahnhofsbuchhandel. Es fällt schwer, sich den quirligen Trubel vorzustellen, der einst hier vorgeherrscht haben mag. Längst versunken ist die Ära, als Dienstmänner auf den Bahnsteigen und vor dem Bahnhof noch ihre vielfältigen Leistungen anboten, oder Lohndiener dem Fremden die Sehenswürdigkeiten Dresdens zeigten.

Doch auch der Schlesische Platz hat sein Gesicht verändert, nicht nur der Wunden wegen, die der Weltkrieg in den angrenzenden Häuserzeilen gerissen hat. Die anmutigen Pferdedroschken sind Taxis gewichen, auf den neuaufgestellten Bänken vor dem Bahnhof verschnaufen Reisende, dösen Stadtstreicher. Von den unmittelbar benachbarten Hotels und Lokalen ist wenig geblieben. Aus dem renommierten Hotel „Hansa-Haus“ vis-a-vis wurde ein imposant wirkendes Seniorenpflegeheim. Bezeichnenderweise nutzten Filmleute 2005 eine noch lange existierende Ruinenreihe, schräg gegenüber, in der Dr.-Friedrich-Wolf-Straße, als Kulisse für das ZDF-Filmdrama „Dresden“. Neu gepflanzte Bäumchen und ein Wasserspiel sorgen an schönen Tagen für entspannte Stimmung.

Seit nunmehr vier Generationen erfüllt der Neustädter Bahnhof treu seine Aufgabe und ist doch - weit mehr als nur technischer Zweckbau - ein Ort der Kultur, des Willkommens, der Erwartung aber auch des Abschieds. Der Bahnhof am Schlesischen Platz führt die Menschen zueinander und voneinander fort, ist Beginn oder Zielpunkt alltäglicher Fahrten und außergewöhnlicher Reisen. Und wenigstens darin sind sich die Reisewilligen bis heute gleich geblieben: Wie vor 100 Jahren durchschreiten sie eilig die Bahnhofstür, vielleicht noch ein suchender Blick zur Anzeigetafel, dann wieder auf Taschen- oder Armbanduhr. Schon geht es hastig die Treppen hinauf, dem anvisierten Bahnsteig entgegen. Und mit wohliger Erleichterung in weichen Polstern sitzend, genießt man erleichtert das Anrucken des Zuges ...

Vom Hotel zum Pflegeheim: das
Vom Hotel zum Pflegeheim: das "Hansa-Haus" am Schlesischen Platz
Quelle: Bert Wawrzinek

 

Letzte Änderung am Dienstag, 02 Januar 2018 22:21
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Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land.

Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er seit 25 Jahren das HISTORICA Antiquariat im Dresdner Barockviertel.
Für SACHSEN DEPESCHE schreibt er seit April 2016 zu Themen der sächsischen Kultur und Geschichte.

Webseite: www.sachsen-depesche.de/show/author/56-bert-wawrzinek.html
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