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Götz Kubitschek bei PEGIDA auf dem Dresdner Altmarkt

Selbstverständlichkeiten

Freitag, 14 April 2017 01:22 geschrieben von  Jan Erbenfeld
100. PEGIDA-„Spaziergang“ am 10. April 2017 in Dresden 100. PEGIDA-„Spaziergang“ am 10. April 2017 in Dresden Quelle: Jan Erbenfeld

Dresden – Gedenkminute für die Opfer der vier islamistischen Terroranschläge vergangener Woche auf dem Altmarkt. PEGIDA-Stammredner Wolfgang Taufkirch führt mit heller bayrischer Stimmfärbung durch den regnerischen Abend. Es ist Montag, der 10. April, die 105. Veranstaltung und der 100. „Spaziergang“. Zunächst spricht ein Pfarrer. „Hans“ – unverkennbar Sachse – schämt sich für seine evangelische Landeskirche, die sich um die Lebensbedingungen hier lebender Moslems sorge, zur Christenverfolgung in muslimischen Ländern aber schweige.

Anlässlich des bevorstehenden Osterfestes folgen einige Sätze zum Karfreitag, an dem der Kreuzigung Christi gedacht werde. Der aufmüpfige Wanderprediger Jesus sei zum Tode verurteilt und gekreuzigt worden. Die grausame Hinrichtungsart hätten die Moslems von den Römern übernommen und praktizierten sie noch heute, weshalb „Hans“ seine Zuhörer bitte, am Karfreitag all der Menschen zu gedenken, die einen solch grausamen Tod sterben müssten.

Obwohl die römischen Beamten damals erkannt hätten, dass Jesus unschuldig sei, stachelten religiöse und ideologische Fanatiker das Volk solange auf, bis es in Sprechchören die Kreuzigung Jesu forderte. Auch heute würden Menschen durch die Medien aufgehetzt, „unliebsame Mahner“ zu kreuzigen, derzeit noch „ideell und finanziell“. Seine Befürchtung sei es aber, dass bei fortschreitender „Islamisierung“ auch hier Menschen an Kreuzen hingen, und dagegen stünden hier alle „auf dem Platz“.

Nach dem obligatorischen „Spaziergang“ folgt Philip Stein von der neurechten „Ein Prozent“-Bewegung mit dem Verein „Solidarität für Arnsdorf“. Im Mai 2016 hatte in einem dortigen Supermarkt ein vorgeblich kranker Iraker Personal und Kunden bedroht. Vier Arnsdorfer Männer übergaben ihn der Polizei, müssen sich deshalb jetzt wegen „Freiheitsberaubung“ vor Gericht verantworten. Stein vermeldet, dass für deren Unterstützung nunmehr 20.000 Euro Spendengelder zur Verfügung stünden. Außerdem wolle man den Arnsdorfern von Dresden aus eine Botschaft der Solidarität senden, wozu zuvor verteilte Plakate in die Luft gehalten werden, Motto: „Zivilcourage ist kein Verbrechen“.

Mit einer Parabel von Vogel und Katze startet der Verleger Götz Kubitschek, einer der wenigen herausragenden Köpfe im PEGIDA-Umfeld, seinen Vortrag:  Der Vogel sei eigentlich zu groß für die Katze, aber weil er sich den Flügel gebrochen habe, könne er nicht entkommen. Wehrlos werde er die Treppe heruntergezerrt, sein Kopf knalle gegen jede Stufe. Im Keller aber sei man noch lange nicht. Im übertragenen Sinn habe die politische Klasse Deutschlands „unseren Staat und unser Volk am Wickel“ und „wir selbst“ würden die Treppe herabgezogen. Ziel aller Bemühungen müsse demnach sein, wieder auf die Füße zu kommen und „Stufe für Stufe wieder hinaufzusteigen“. Dies aber sei eine „Wiederherstellung von Selbstverständlichkeiten“.

Kubitscheks suggestive Sprache verfängt. Anders als mancher seiner Vorredner verzichtet er auf Schimpftiraden, setzt nüchtern Gedanken an Gedanken, analysiert. Die angeführten „Selbstverständlichkeiten“ freilich, zeigen den Schnellrodaer Rittergutsbesitzer als politischen Romantiker, der nichts weniger als die „Herstellung von Recht und Ordnung“, einen „Elitenwechsel“ oder die „Bändigung der Parteien“ fordert. Der Altmarkt jubelt, was aber sind 3.000 Pegidianer? Selbst der vorgeblichen „Alternative für Deutschland“ muss der Redner attestieren, die Einführung eines „Systems Merkel“ durch die Eheleute Petry/Pretzell zu betreiben.

Abschließend fragt Kubitschek, weshalb die Eliten so wenig Wertschätzung für das Aufbauwerk von Generationen an den Tag legten, das Establishment das eigene Volk „verachte“. Die Antwort gibt der Redner selbst. Die behauptete Verachtung sei der „gebrochene Flügel“ des Vogels, von dem eingangs die Rede war. Dessen Heilung aber sei eine Generationenaufgabe, zu der es einer „erinnerungs- und geschichtspolitischen Wende“ bedürfe. Doch waren das nicht unlängst auch Höckes Worte, mit denen der Thüringer AfD-Chef einen bundesweiten Skandal auslöste?

Letzte Änderung am Sonntag, 16 April 2017 02:58
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