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Reportage aus der Sächsischen Schweiz

„wee“ in Pirna: Cengiz Ehliz, Michael Scheibe und Mirko Scheffler drehen mit Mike Gerbig offenbar kein großes Rad

Samstag, 22 Dezember 2018 12:16 geschrieben von  Götz Schubert
wee Akzeptanzstelle in Pirna wee Akzeptanzstelle in Pirna Quelle: SACHSEN DEPESCHE

Pirna – Wer derzeit durch die Altstadt von Pirna schlendert, kann sich vor allem an dem Canalettomarkterfreuen, der auf dem Marktplatz rund um das Rathaus vorweihnachtliche Stimmung verbreitet. Die zahlreichen Buden mit Glühwein, Bratwurst, regionalem Kunsthandwerk, heißen Suppen, Stollen und Kräppelchen laden zum Verweilen ein; für die Kleinen gibt es zwei Karussells, eine dampfbetriebene Eisenbahn und eine Bühne mit wechselnden Vorstellungen und Geschichtenlesungen.

Der Canalettomarkt in Pirna ist ein Weihnachtsmarkt für die ganze Familie. Der große geschmückte Baum funkelt in Rot-Gold, den Farben der Stadt, dem „Tor zur Sächsischen Schweiz“, rund 20 Kilometer von der Landeshauptstadt Dresden entfernt. Die Rathausfassade wird mit Videoprojektionen bestrahlt – einmalig in Sachsen. Sie verwandeln das Gebäude in ein riesengroßes Pfefferkuchenhaus, durch das sich die Raupe Nimmersatt frisst und von dem aus der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten freundlich grüßt.

Von den vorweihnachtlichen Freuden profitiert natürlich auch der örtliche Einzelhandel. Die Geschäfte in der Altstadt haben an zwei von vier Adventssonntagen geöffnet – und es ist durchaus eine belebte Innenstadt, die hier zum Einkaufen einlädt. Zwar gibt es auch in Pirna leerstehende Gewerbeflächen, doch insgesamt ist hier noch ein gesundes Umfeld für den heimischen Mittelstand vorhanden.

Laden in bester Lage, aber ohne Besucher

Nur ein Ladengeschäft bleibt von der Betriebsamkeit seltsam unberührt. Es scheint nie geöffnet zu haben, es gibt keinen Besucherverkehr, es ist auch nicht, wie die anderen Läden, weihnachtlich geschmückt. Die Sicht nach innen wird durch wenig einladend wirkende Milchglasscheiben verwehrt. Dennoch ist es auffällig, denn auf gleich drei Schaufenstern in der Schössergasse 11 – direkt am Marktplatz, also in bester Lage – präsentiert man das Markenlogo der Firma, die hier offenbar ihre Zelte aufgeschlagen hat, aber dennoch nicht präsent erscheint: Das Cashback-System „wee“ des Bad Tölzer Unternehmers Cengiz Ehliz, dessen Einzelfirmen einst in der weeCONOMY Group AG gebündelt waren, nun aber unter ganz neuen Namen firmieren.

Im Zentrum der Aktivitäten steht inzwischen die in Kreuzlingen im Schweizer Kanton Thurgau gemeldete Swiss Fintec Invest AG, und gemeinsam mit der Luxemburger Gesellschaft COOINX S.A. des früheren FlexCom-Vertriebsmanagers Michael Scheibe will man über die weeNexx AG die über den Einzel- und Onlinehandel vergebenen Bonuspunkte mit moderner Blockchain-Technologie verzahnen. Es geht also um eine Kryptowährung, die künftig die Grundlage des Systems bilden soll – zumindest laut Veröffentlichungen der beteiligten Firmen.

Unser Partnerportal HESSEN DEPESCHE (www.hessen-depesche.de) beobachtet den Komplex um Cengiz Ehliz und Michael Scheibe schon seit einiger Zeit. Wer dort in der Suchfunktion das Stichwort „wee“ eingibt, stößt auf allerlei Fragwürdigkeiten im Umfeld des Cashback-Anbieters, etwa eine zunächst vom Firmenchef verkündete, dann aber von der BaFin dementierte Vollbank-Lizenz. Oder mehrere gerichtliche Auseinandersetzungen mit dem Chef der Inspireness Group AG und ehemaligen weeCONOMY-Manager Rudolf Engelsberger, der das Geschäftsgebaren und vor allem die zahlreichen Namenswechsel im Unternehmensverbund hinterfragt, die seines Erachtens mit intransparenten Übertragungen von Werten verbunden seien.

Zusammenarbeit mit Ernst & Young?

Aktuell blicken Branchenexperten skeptisch auf eine Umtauschaktion von Aktien der der Swiss Fintec Invest AG (ehemals wee.com AG) in Token des angekündigten „wee“-ICOs, für die Cengiz Ehliz und der CEO der an dem Geschäftsmodell ebenfalls beteiligten MPM Group AG, Mirko Scheffler, sogar mit einem Video bei Anlegern werben (https://youtu.be/YbN20YGd77c). In demWerbevideo erwähnt Ehliz geradezu auffällig immer wieder die renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, obwohl sich diese nach Informationen der HESSEN DEPESCHE offenbar Stück für Stück aus dem „wee“-Konglomerat zurückziehen. „Zumindest lässt das offizielle Protokoll der derzeit unter dem Namen Swiss Fintec Invest AG firmierenden Unternehmung nur diesen Schluss zu“, schreibt das Infoportal.

In einer Mitteilung der MPM Group AG (wie diese Gesellschaft mit dem „wee-Komplex verbandelt ist, kann man hier nachlesen: https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/michael-scheibe,-wee-und-cooinx-zieht-sich-cengiz-ehliz-aus-dem-namen-weeconomy-zurück.html) heißt es dazu:

„In den nächsten Tagen wird die Incentives-Kachel 2018 in Ihrem Backoffice live geschaltet, dort können Sie dann die noch offenen Incentive-Aktien bestätigen. Leider istdie Auslieferung der Incentive-Aktien ein sehr langwieriger Prozess, und laut den Banken, kann sich dieser bis zu 4 Jahre hinziehen, da die Aktien an über 15.000 Aktionäre ausgeliefert werden müssen. Das haben wir uns alle etwas einfacher vorgestellt.“

Und weiter: „Aus diesem Grund möchten wir allen Partnern, deren Aktien noch nicht ausgeliefert worden sind, folgendes Angebot machen: Es gibt jetzt von der weeNexx AG auch ein Family & Friends Angebot im Rahmen des ICOs der wee, so wie es die meisten Partner ja noch von dem IPO her kennen. Mit dem ICO der weeNexx AG bereitet wee den nächsten Schritt für das bargeldlose Bezahlen mit wee dank Blockchain-Technologie vor.“

Auch die MPM Group hat in Pirna ihren Platz | Quelle: SACHSEN DEPESCHE
Auch die MPM Group hat in Pirna ihren Platz
Quelle: SACHSEN DEPESCHE

 

Fragwürdige ICO-Umtauschaktion

Zur Erklärung: ICO ist die Kurzform von Initial Coin Offering. In der Welt der Kryptowährungen dient ein solches ICO – vergleichbar mit einem IPO bei Aktien –als Finanzierungsphase für ein Projekt, das auf der Blockchain-Technologie beruht, in diesem Falle also des „wee“-Cashback-Systems. Mit der Ausgabe von Tokens, also gewissermaßen „Anspruchsscheinen“ auf spätere Kryptocoins, kann ein Unternehmen den strengen Regulierungen, denen Banken oder Börsen ausgesetzt sind, sowie der Finanzdienstleistungsaufsicht durch die BaFin weitgehend ausweichen. Dadurch wird eine größtenteils unregulierte Kapitalbeschaffung ermöglicht.

Auffällig an der Erklärung von MPM ist, dass die Umtauschaktion offenbar als eine Art „Ersatz“ für noch offene Incentive-Aktien präsentiert wird, deren Auslieferung sich bis zu vier Jahren (!) hinziehen könne. Viele Anleger werden durch diese angekündigte hohe Zeitspanne geradezu verleitet, auf das ICO auszuweichen. Dabei wird das ICO selbst im „wee“-Komplex schon seit Monaten intensiv beworben, sodass davon auszugehen ist, dass dies das eigentliche Hauptanlageangebot und nicht nur einen „Ersatz“ darstellt. Die Werthaltigkeit der angepriesenen Tokenbzw. des dazugehörigen ICOs sind laut Branchenexperten allerdings zweifelhaft.

Auch der frühere Ehliz-Partner und heutige Kritiker des Bad Tölzer „Entrepreneurs“ (so die Eigenbezeichnungvon Ehliz) gibt zu bedenken: „Das mit der COOINX von Michael Scheibe ist auch ein schwer nachvollziehbarer Fall. Da wurde jetzt wieder eine Gesellschaft gegründet – mit dem vermeintlichen Zweck, ein ICO zu schaffen. Aber wo findet man etwas über den Wert dieses ICOs? Ist das eine reine Vertriebsgesellschaft oder soll da das Geschäftsmodell reingehen? Ja, man will einen Coin auflegen – und weiter? Ich habe nirgendwo lesen können, was damit überhaupt konkret geplant ist.“ Auch ob das „wee“-Cashback-System von Ehliz überhaupt funktioniert, also ökonomisch tragfähig ist, steht für den früheren CEO der weeCONOMY AG und der weeCONOMY Group AG inzwischen in Frage. (https://www.hessen-depesche.de/wirtschaft/die-akte-„wee“-jetzt-spricht-ex-ceo-und-cengiz-ehliz-kritiker-rudolf-engelsberger-teil-2.html)

In Nachbarschaft zu Frauke Petry

Vielleicht gibt ja ein näherer Blick auf die „wee“-Aktivitäten im sächsischen Pirna Aufschluss über das angebliche „Erfolgsmodell“, mit dem Ehliz den regionalen Einzel- und den Online-Handel nach eigenen Angaben „revolutionieren“ will. Was sich einem vor Ort bietet, sieht indes wenig „revolutionär“ aus: Ein Ladengeschäft, das zwar ziemlich groß ist, aber offenbar fast nie geöffnet hat, das über keine Klingel, keine Angaben zu Öffnungszeiten, zu einer Telefonnummer, an die man sich wenden kann, oder zu einem Verantwortlichen verfügt, aber an dem groß das Wort „Registration“ steht.

Auf aufgeklebten Schildern an der Tür ist dort außerdem „Powered by MPM Group“ zu lesen. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf Satoshi Vision Pool (SVPool), ein Unternehmen, das mit dem Mining von Kryptowährungen befasst ist, und Bitcoin Cash, die fünftgrößte Kryptowährung am Markt. Aber will „wee“ nicht einen eigenen Kryptocoin schaffen? Warum macht man dann Werbung für die Konkurrenz?

Ein interessantes Detail am Rande, das hier nur Erwähnung finden soll, weil sich vielleicht die beiden „Erfolgsmodelle“ in gewisser Hinsicht vergleichen lassen: Nur ein paar Fußminuten entfernt von dem anscheinend verwaisten „wee“-Landen in der Schössergasse 11 findet man in der Langen Straße/Ecke Badergasse das Bürgerbüro der Bundestags- und Landtagsabgeordneten Frauke Petry, das ebenfalls nicht gerade von Besuchern überfüllt ist.

Petry gewann, damals noch Parteivorsitzende und Fraktionschefin der AfD im Sächsischen Landtag, bei der Bundestagswahl am 24. September 2017 das Direktmandat im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mit 37,4 % der Erststimmen. Nur einen Tag später kündigte sie an, die Partei unter Mitnahme ihrer beiden Mandate zu verlassen. Viele ihrer Wähler waren enttäuscht und warfen ihr daraufhin „Betrug“ vor. Petry gründete dann mit ihrem Ehemann, dem Europaabgeordneten Marcus Pretzell, die sogenannte „Blaue Partei“, die trotz groß angekündigter Vorhaben nicht aus dem Knickt kommt und recht bald in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sein dürfte.

Derzeit sieht sich die fraktionslose Bundestags- und Landtagsabgeordnete vor dem Amtsgericht Dresden einem Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Subventionsbetrugs im Zusammenhang mit ihrer früheren, insolvent gegangenen Leipziger Firma PURinvent System GmbH ausgesetzt. Per Videoscreen im Fenster ihres Pirnaer Bürgerbüros wünscht Petry den Bürgern immerhin ein frohes Weihnachtsfest. Ein solcher Gruß fehlt im Schaufenster des „wee“-Ladens in der Schössergasse…

Betreiber ist offenbar Immobilienmakler Mike Gerbig

Auch sonst ist dort – wie beschrieben – alles recht ungewöhnlich für ein Ladengeschäft in so guter Lage. Da vor Ort kein Zuständiger präsent ist und auch keine Telefonnummer angegeben ist, an die man sich bei Fragen wenden kann, hat sich SACHSEN DEPESCHE in den Nachbargeschäften herumgehört, um herauszubekommen, was es mit dem „wee“-Laden auf sich hat. Die Inhaberin des Hobbywarengeschäfts gegenüber sagt, dass dort nur „manchmal ein junger Mann“ anwesend sei. Im Sommer sei die Tür „mal einen Spalt offen“ gewesen, von innen sehe das Geschäft aus wie ein Atelier. Wozu die Räumlichkeiten genutzt werden, wisse sie nicht.

Auch im Schuhgeschäft nebenan hat man keine Ahnung, welchem Zweck der „wee“-Laden dienen soll. Es sei „nie jemand da“. Immerhin kann SACHSEN DEPESCHE in Erfahrung bringen, wer dafür zuständig ist. „Das macht der Herr Gerbig“, sagt die freundliche Verkäuferin. „Herr Gerbig“, das ist der Dresdner Immobilienmakler Mike Gerbig, Geschäftsführer der CR Management GmbH sowie der BBV Asbeco GmbH, Betreiber der Internetseite immo24-dresden.de und Autor des Buches „Immo.Reich!“, in dem er Tipps für erfolgreiche Investitionen in Immobilien gibt.

Nur zwei „wee“-Akzeptanzstellen in Pirna

Über Gerbigs Engagement für „wee“ berichtete die Pirnaer Lokalausgabe der „Sächsischen Zeitung“ – allerdings ohne Hinweis auf das Ladengeschäft in der Schössergasse – bereits im Juli 2017. Unter der Überschrift „Neues Bonuskartensystem soll Einzug in Pirna halten“ heißt es in dem Beitrag: „Damit Wee funktioniert, braucht es natürlich genügend Händler, die mitmachen. Deshalb organisiert das Unternehmen derzeit europaweit Kampagnen und Informationsveranstaltungen, bei denen Ladeninhabern die Funktion des Systems erläutert wird. Jetzt können sich auch die Pirnaer Einzelhändler informieren. Wee wirbt damit, insbesondere kleinere lokale Händler zu unterstützen, indem es sie beim Eigenmarketing und bei der Digitalisierung ihres Geschäfts unterstützt. (…) ‚Damit ist die Plattform auch eine Chance, etwas gegen die drohende Verödung der Innenstädte zu tun‘, sagt der Immobilienunternehmer Mike Gerbig, der die Wee-Informationsveranstaltungen für die Händler nach Pirna holt.“

Besonders erfolgreich scheint Gerbig dabei allerdings nicht gewesen zu sein. Obwohl das Ladengeschäft in der Schössergasse von Einzelhändlern, Kneipen, Restaurants, Versicherungsagenturen und anderen Dienstleistern umgeben ist, findet man in der Shopsuche auf wee.com als Akzeptanzstellen des Bonussystems gerade einmal zwei Einträge in Pirna: Die WELTGEWANDT GmbH Exklusiv Reisen in der Jacobäerstr. 1 und die GO Tankstelle in der Dresdner Straße 46a. Dafür, dass Gerbig mit dem „wee“-Promotion-Team mehrere Infoveranstaltungen durchgeführt hat und eine „Registration“ direkt in der Innenstadt eingerichtet hat, ist das doch eine – gelinde gesagt – recht magere Ausbeute.

Wir hätten gerne ein Gespräch mit Herrn Gerbig über seine „wee“-Aktivitäten in Pirna geführt, doch leider war er telefonisch nicht zu erreichen. Dies dürfte der Vorweihnachtszeit geschuldet sein – und daher wird SACHSEN DEPESCHE selbstverständlich im neuen Jahr weitere Recherchen anstellen und dabei auch gerne Mike Gerbig die Gelegenheit zu einer Stellungnahme geben.

So bleibt zunächst der Eindruck, dass hinter der Fassade, die Cengiz Ehliz, Michael Scheibe und Mirko Scheffler mit „wee“, MPM und weeNexx aufgebaut haben – zumindest in Pirna – wenig Substanz steckt. Das große Rad wird dort offenbar nicht gedreht. Interessierte Anleger, die mit dem Gedanken spielen, in das ICO zu investieren, sollten diese Eindrücke zumindest in ihre Überlegungen einbeziehen.

Auch das Bürgerbüro von Dr. Frauke Petry, MdB liegt unweit der wee und MPM Niederlassung in Pirna | aQuelle: SACHSEN DEPESCHE
Auch das Bürgerbüro von Dr. Frauke Petry, MdB liegt unweit der wee und MPM Niederlassung in Pirna
Quelle: SACHSEN DEPESCHE

 

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